Marlon Brando – Der Schauspieler, der es liebte, Hollywood zu hassen

Ein Beitrag von Marc Hairapetian / Berliner Zeitung – Der Schauspieler, der es liebte, Hollywood zu hassen – „Wogegen rebellierst du?“ – „Was hast du anzubieten?“ Am 3. April vor 100 Jahren wurde das Schauspielergenie Marlon Brando geboren.

Marlon Brando in Finnland, 1967 – Foto: Urpo Rouhiaisen / Finnish Heritage Agency, Lizenz: CC BY 4.0

War nicht nur John F. Kennedy, sondern auch Marlon Brando ein Berliner? Den Anschein hatte es jedenfalls während der völlig überfüllten Berliner Pressekonferenz am 8. August 1957 zum Antikriegsfilm „Die jungen Löwen“. Auf jeden Fall verblüffte der vom Regisseur Edward Dmytryk flankierte, für seine Allüren bekannte amerikanische Filmstar die anwesenden Journalisten mit ausgesuchter Höflichkeit.

Er ließ darüber abstimmen, ob bei geschlossenen oder geöffneten Fenstern konferiert werden sollte. Und der nach eigenen Angaben mikrofonscheue Mime, dessen ohnehin markanten Römerkopf ein Haarschnitt im Stil eines Marcus Antonius zierte, berlinerte unter großem Gelächter munter drauflos, als er von einem der Journalisten nach seinen Deutschkenntnissen gefragt wurde: „Mensch, dir hamse wohl mit der Muffe jebufft!?“

Kurz darauf wurde er ernster: „Ich muss Sie darauf hinweisen, dass sich unser Film im Wesentlichen von Irwin Shaws Roman unterscheidet. Das Buch erschien in den ersten Jahren nach dem Krieg, als die Karikatur des kaltblütigen, roboterhaften und hackenknallenden Heil-Hitler-Junkers noch in frischer Erinnerung war. In diesem Sinn ist die Tendenz der Story nicht mehr annehmbar. Wir änderten sie erheblich. Im Roman ist Christian ein Nazi. Im Film ist er es nicht.“

Den von Brando verkörperten Christian Diestl nannte er „einen deutschen Offizier, der für Humanität kämpft“. Zur Vorbereitung auf diese Rolle hatte sich Brando die legendäre Sterbeszene von Oskar Werner aus G.W. Pabsts Endzeit-Drama „Der letzte Akt“ (1955) 24 Mal hintereinander vorführen lassen! Werner, aber das nur am Rande, war auch für die Rolle in „Die jungen Löwen“ erste Wahl gewesen, musste aber wegen Theaterverpflichtungen absagen.

Den Filmbetrieb bezeichnete er als „Affenkotze in Aspik“

Auch fast 20 Jahre nach seinem Tod nennt man Marlon Brando den Mann, der es liebte, Hollywood zu hassen. Der am 3. April 1924 in Omaha im amerikanischen Bundesstaat Nebraska geborene und am 1. Juli 2004 in Los Angeles gestorbene Sohn eines Farmers und einer ehemaligen Schauspielerin (der Name Brando stammt übrigens von Vorfahren namens Brandau, die Generationen zuvor aus der Pfalz eingewandert waren) bleibt ein einziges Paradoxon. Normal an ihm war nur, dass er sich nie normal gab. Die Filmmetropole bezeichnete er als „Affenkotze in Aspik“. Warum sollte er sein Benehmen verteidigen, fragte Brando einmal hitzig zurück, „die Menschen verstehen einen sowieso nicht. Die Fügsamkeit ist der Brutkasten der Mittelmäßigkeit.“

Nach seinem Filmdebüt als querschnittgelähmter Veteran in Fred Zinnemanns „Die Männer“ (1950) avancierte Brando mit Elia Kazans „Endstation Sehnsucht“ (1951) und László Benedeks „Der Wilde“ (1953) als gut aussehender Kotzbrocken zum „eversexed guy“ im engen T-Shirt, der ohne präzisen Grund alles und jeden verachtete, insbesondere Tugenden und Frauen, und gerade dadurch unwiderstehlich wurde. Ins kulturelle Gedächtnis eingegangen ist ein Dialog aus „Der Wilde“: Eines der Mädchen in dem Nest, in das er mit seiner Motorradgang The Black Rebel Motorcycle Club einfällt, fragt ihn: „What are you rebelling against?“ Er so: „What have you got?“

Außerdem war da noch sein Stammeln und Nuscheln – in den deutschen Fassungen kongenial von „Der Wilde“ und „Die Faust im Nacken“ (1954) über „Sayonara“ (1957), „Die jungen Löwen“ (1958) und „Morituri“ (1965) bis zu „Ein Mann wird gejagt“ (1966) und „Spiegelbild im goldenen Auge“ (1967) vom Urberliner Harald Juhnke synchronisiert. Damit handelte Brando den Regeln der klassischen Sprechausbildung geradezu subversiv zuwider.

Später verlieh er gebrochenen, dämonischen Charakteren Profil. So dem größenwahnsinnigen Dschungel-Despoten Colonel Kurtz in Francis Ford Coppolas frei auf Joseph Conrads Novelle „Herz der Finsternis“ (1899) basierendem Vietnamdrama „Apocalypse Now“ (1976–1979). Unvergessen auch sein Paul in Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ (1973), der sich nach dem Tod der Frau auf eine sexuelle Affäre mit einer jungen Frau (Maria Schneider) einlässt. Als er sie doch über das Bett hinaus kennenlernen will, fühlt sie sich von ihm bedrängt und zieht eine Pistole. Er fragt sie nach ihren Namen. Noch während sie „Jeanne“ sagt, schießt sie auf ihn. Tödlich getroffen nimmt er mit einem unnachahmlich gequälten Grinsen ein Kaugummi aus dem Mund, klebt es unter das Balkongeländer und bricht zusammen.

Auch Stanley Kubrick brachte er zur Verzweiflung

Der Prototyp des amerikanischen Rebellen brachte dutzendweise Regisseure zur Verzweiflung: Stanley Kubrick stieg 1959 nach einjähriger Vorbereitung beim Psychowestern „Der Bessenene“ (1961) aus, sodass ihn Brando selbst inszenieren musste. Und mit Bernhard Wicki wäre es bei „Morituri“ (1965) beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen. Später avancierte er zum liebenswert-besonnenen Kollegen, der Rolex-Armbanduhren verschenkte, die Anwesenden am Set mit kleinen Zaubertricks entzückte und Partys für die Crew schmiss. Das bestätigte mir auch der 2014 verstorbene Oscar-Preisträger Maximilian Schell (1962 für „Urteil von Nürnberg“), der mit Brando „Die jungen Löwen“ drehte: „Marlon redete mit mir über Gott und die Welt. Ich wiederum öffnete mich ihm und sagte, dass ich sehr unglücklich wäre, hier in den Vereinigten Staaten allein und ganz ohne Freundin zu sein. ‚Das lässt sich ändern!‘, lachte er. Bei einer Feier in seinem Apartment hatte es mir eine japanische Schönheit sichtlich angetan. Marlon stellte uns vor, doch die junge Dame hatte fortan nur noch Augen für ihn.“

Der Tierfreund und Familienvater, der neun leibliche Kinder zeugte und zwei weitere adoptierte, ließ sich in seinen letzten Jahren nur noch selten in der Öffentlichkeit blicken. Entweder lebte er auf dem von ihm 1963 erworbenen Atoll Tetiaroa oder in einer von der Außenwelt abgeriegelten Zwölf-Zimmer-Villa am Mulholland Drive in Los Angeles. Es war die Folge einer ganzen Kette von Tragödien in seinem Leben, an denen ihn wohl auch ein Teil der Schuld selbst traf. Fünf ehemalige Freundinnen und seine Tochter Cheyenne begingen Selbstmord. Der 2008 verstorbene Sohn Christian, der aus der Verbindung mit Anna Kashfi stammte, verbüßte wegen Ermordung von Dag Drollet – des Freundes seiner Halbschwester Cheyenne – eine fünfjährige Haftstrafe.

„Was passiert ist, hat nicht nur Dag das Leben gekostet, sondern auch Christians Leben ruiniert und meinen Vater erschüttert“, sagt Miko Brando, der mittlerweile 63-jährige Sohn aus der Ehe von Marlon Brando mit Kollegin Movita Castaneda (1916–2015) bei unserem Gespräch: „Ich war für meinen Vater da, weil er mich brauchte, um stark zu sein, als er es nicht konnte.“ Mit wenigen Ausnahmen hielt der im zunehmenden Alter im Wortsinn immer schwergewichtigere Akteur (zwischen 120 und 190 Kilogramm brachte er bei 175 Zentimeter Körpergröße in Zeiten ungezügelter Fressorgien auf die Waage) selbst nicht viel von der Filmerei: „Schauspieler sind die Arbeiterameisen in einem Business und sie rackern sich für Geld ab. Der größte Schauspieler der Welt ist mein Hund. Wenn er Hunger hat, tut er so, als ob er mich liebt.“ Er mochte sich selbst als gewöhnliche Ameise betrachten – für unzählige Kollegen und Kritiker ist er immer noch der „Herr der Ameisen“.

1,85 Millionen Dollar pro gefilmte Minute

Mut zur Selbstironie bewies Brando als Psychiater in „Don Juan DeMarco“ (1995) oder als alternder Einbrecherkönig an der Seite von Edward Norton und Robert De Niro in „The Score“ (2001). Großteile seiner enormen Gagen – für den Miniauftritt als Vater von „Superman“ erhielt er 1978 1,85 Millionen Dollar pro gefilmte Minute! – ließ er wohltätigen Stiftungen, Menschenrechtsbewegungen und antirassistischen Aktionen zukommen. Seinen zweiten Oscar (den ersten erhielt er 1955 als Terry Malloy in „Die Faust im Nacken“) für das von ihm „wie eine Bulldogge“ verkörperte Mafia-Oberhaupt Don Vito Corleone in Coppolas „Der Pate“ (1972), weshalb er während des Drehs ein von einem Zahntechniker individuell angefertigtes Mundstück trug, nahm er 1973 wegen der klischeehaften Darstellung der amerikanischen Ureinwohner in Hollywood-Filmen nicht an.

Auf seinem Inselparadies im Südpazifik finanzierte er mit Millionen von Dollar die Erforschung neuer Energiegewinnung. Mit Unterwasserkulturen versuchte er, der Ernährungsmisere beizukommen. Es war sein Rückzugsgefecht von der Welt. Doch wer war Marlon Brando wirklich? Vielleicht ein Schauspieler namens Sehnsucht. Für seinen Sohn Miko, selbst Akteur und einstiger Leibwächter von Michael Jackson, der den ehemaligen Wohnsitz auf dem Tetiaroa-Atoll in das „Private Island Ressort The Brando“ umgewandelt hat, dagegen in erster Linie ein fürsorglicher Vater: „Er liebte es, Spaß zu haben, liebte es zu lachen, liebte es, Witze zu erzählen. Er hat nie etwas Schlechtes über meine Mutter gesagt, obwohl sie sich trennten, als ich noch ein Baby war.“ Marlon Brando sah seinen Beruf stets kritisch: „Ich weiß bis heute nicht, ob ich Schauspieler werden will.“ Bei aller Bewunderung und Liebe für ihn möchte man postum dagegenhalten: Es ist auch gar nicht nötig, ob er es wusste oder nicht.

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Der Autor ist Gründer des Magazins Spirit – Ein Lächeln im Sturm. Die Zeitschrift ist laut eigener Aussage ein Fan-Magazin für Film, Theater, Musik, Literatur und Hörspiel. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

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