Die Woche (50/2023)

Nur Liebe für Berlin – Der Wochenrückblick: Wenn ich tatsächlich „Filmkritiken“ schreiben würde, dann wäre das hier ein anderer Blog. Und vermutlich hätte ich auch nur noch halb soviel Freude daran. „Kritiker:innen“ schreiben über das was sie sehen. Ob sie nun dafür bezahlt werden, oder nicht. Und das Internet ist wahrhaftig voll davon.

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Ich mache das nicht. Ich schreibe ausschließlich über das was ich mag – manchmal liebe – und habe dabei Null Anspruch, professionelle Distanz oder künstlerisch/literarische Qualifikation. Deshalb habe ich aber einen Höllenrespekt vor den Menschen, die Filmkritik professionell betreiben. Ich profitiere ja ungemein von ihrer Arbeit. Nie käme ich deshalb auf die Idee mich an ihnen zu messen. Für mich, ist das hier nur Spaß, Zeitvertreib und ein kleines bisschen Leidenschaft. Und davon floss diese Woche eine unglaubliche Menge in den Blog…

Berlin I: Charly Hübner – Anderst Schön (2015)

Das ist so ein kleiner Edelstein, den ich lieben kann. Vor allem, natürlich, für seinen, im deutschen Fernsehen geradezu omnipräsenten Hauptdarsteller. Da gibt es ja nicht viele, die können, was der kann. Aber hier, das ist so ein kleiner, etwas schmutziger Freitagabendfilm, der will keine Preise gewinnen, dem ist die Quote eigentlich egal. Der will nur mit der kleinen Geschichte von kleinen Leuten unterhalten und damit das Leben seiner Zuschauer etwas besser machen. Oliver Jungen nannte den Film in der FAZ (Paywall) eine „Ostalgie-Kitschkomödie“. Damit hat er sicher nicht ganz unrecht. Aber genau das macht Charlie Hübner und hier zu Gewinner:innen. Heimspiel, sozusagen. Und der Berliner Kida Khodr Ramadan in einer kleinen schlitzohrigen Nebenrolle.

Berlin II: Notes of Berlin (2020)

Ich feiere diesen Berlin-Film ganz absurd. Denn die künstlerische Qualität vor und hinter der Kamera, die Umsetzung der Idee und die Vielfalt und Verwobenheit der Geschichten… das ist wirklich groß! Nehmen wir noch die Tatsache, dass neben der großartigen „Altprofessionellen“ Andrea Sawatzki und einigen Kolleg:innen auch ein riesiger Cast, ebenso wie die Geschichten, direkt von den Straßen der Stadt eingesammelt wurde… Gesichter, die wir noch nie gesehen haben und vielleicht nie wieder sehen werden… Ein großer Berlin-Film, an den wir uns erinnern sollten. Und wenn sie jetzt an jeder Laterne und jedem Baum in ihrer Nachbarschaft stehen bleiben um all die Zettel zu lesen, dann wünsche ich viel Phantasie! Beeilen müssen sie sich, denn der Film läuft in der Mediathek morgen schon ab!

Berlin III: Alles ist eins, ausser der 0 (2021)

Auch wenn der Chaos-Computer-Club seinen Sitz in Hamburg (der schönsten Stadt der Welt) hat, so wurde er doch in West-Berlin gegründet. Und dieser Film über einen seiner Gründungsväter, Wau Holland, hat tatsächlich jede Wiederholung im TV verdient, ergibt sich doch aus Hollands Geschichte ein fortwährender Auftrag. Da geht es nicht um Personenkult, sondern um den Schutz der Demokratie um den sich der CCC, meines Erachtens, weit mehr verdient gemacht hat, als alle dafür vorgesehenen Bundesbehörden…

Berlin IV: Das Leben ist eine Baustelle (1997)

Schön ist es immer, diesen Film wieder zu sehen. Eine Zeitreise, für die, die alt genug sind, sich zu erinnern. Und ein wilder Trip für die, deren Eltern damals nächtelang durch die Straßen der gerade eben wieder „Hauptstadt“ gerannt sind, um sich zu verlieben… so, liebe Kinder, hat das damals funktioniert… vor Tinder und dem Internet. Hier bekommen wir sozusagen das „Who Is Who“, also die allererste Reihe des deutschen Kinos der letzten 30 Jahre in nur einem Film. Alle haben wirklich „um ihr Leben gespielt“… Mal ganz abgesehen von mir und von uns… auch das schmutzige und unsortierte, noch nicht durchgentrifizierte Berlin fehlt mir sehr. Wir bekommen die Zeit nicht zurück. Aber wir dürfen uns erinnern, an die Zufälle des Lebens. Die große Liebe… und all die Filme die wir sahen als wir jung waren.

Robert Redford – Ein Gauner & Gentleman (2018)

Absolut gar nichts mit Berlin hat dieses Vermächtnis eines der größten Filmschaffenden aller Zeiten am Hut. Tatsächlich hatte der Film seine Deutschlandpremiere auf der Filmkunstmesse Leipzig. Vielleicht spricht das auch wieder Bände über seinen Hauptdarsteller? Denn etwas neben dem Mainstream schwamm er Zeit seines Lebens. Das macht diesen Superstar zu etwas besonderem. Und tatsächlich, ist es der perfekte Abschluss einer perfekten Karriere und der Abschied des großen Schauspielers von der Leinwand. So sollen wir uns an ihn erinnern. Ich werde das sehr gerne, genau so! Ich habe ihn noch einmal wirklich genossen, den verschmitzten alten Mann, der noch einmal loszieht, um das Leben zu spüren. Auch hier müssen sie sich beeilen: Der Film läuft in der Mediathek heute Abend schon ab!

Filmfrauen I: Charlotte Gainsbourg – The Tree (2010)

Das hier ist ein Herzensfilm. Frau Gainsbourg ist eine einzigartige Künstlerin. Das liegt auch an ihrer herausragenden Rollenauswahl und der Kraft ihres Spiels. Ein künstlerisch über-talentiertes Elternhaus kann eine Gnade sein, oder ein Fluch. Für die Französin war es wohl gleichermaßen beides. Doch hat sie sich ihren Erfolg aus eigener Kraft redlich erarbeitet. Glamour, Unmittelbarkeit und Handwerk. Sie ist eine, die wohl fast alles kann und tut was sie will. Und – das ist ein Privileg des Alterns – sie hat wirklich niemals aufgehört dabei besser zu werden.

Berlin V: Fatih Akin – Tschick (2016)

„Tschick“ ist (m)ein Herzens-Sommerfilm. Bestimmt ist er das. Aller Zeiten! Und deshalb freu‘ ich mich so, dass eine gute Seele in der Programmplanung des Hessischen Rundfunks den Film mitten im Dezember, dann, wenn es draußen kalt und am dunkelsten ist, wieder in das Programm genommen hat. Als 58 Jahre alter Mann wünsche ich mir, ich könnte nochmal 14 sein. Und ein Typ wie Tschick würde kommen, mich zu retten… ich würde einsteigen. Ohne Frage. Ohne Sinn.

Götz George – Nacht ohne Morgen (2011)

Er war vielleicht der größte deutsche Schauspieler meines Lebens. Da fehlt mir jede Distanz. Da kann ich mir nicht helfen. Das Urteil steht. Auch wenn ich natürlich nur deshalb noch auf der Welt bin, um jeden Tag dazu zu lernen. Doch auf Götz Georges Filmwerk zurück zu schauen, heißt eben bewundern und staunen. Unterhaltsam ist dieser Film wahrhaftig nicht! Aber ganz, ganz, großes „Kino“ ist das alles. Auch wenn es „nur“ ein TV-Film ist. Ein Beweis der Fähigkeiten und des ultimativen Daseinszwecks unserer öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten. Das System kann es, grundsätzlich. Wir müssen es nur wollen.

Filmfrauen II: Franka Potente – Home (2020)

Gleich noch ein Herzensfilm, von dem ich maßlos überrascht und begeistert wurde. Denn immer, wenn Schauspieler*innen, die wir so gut kennen, wie Frau Potente, auf die andere Seite der Kamera wechseln, ergibt sich eine besondere künstlerische Chance – und für sie immer auch ein besonderes Risiko. Für mich ist das Regiedebut von Franka Potente ein absolutes Highlight der letzten deutschen (Corona-) Kinojahre. Meine totale und vorbehaltlose Empfehlung dafür!

Filmfrauen III: Angelina Jolie – Salt (2010)

Ok, ich hätte da mal eine Frage: Ist das hier jetzt nur deshalb ein feministischer Action-Reißer, weil hier eine Frau „auf die Fresse kriegt“ und ebenso austeilt? Oder ist es eben nur eine weibliche Version der üblichen, männlichen Stereotypen, die wir schon seit Jahrzehnten kennen. Ganz ehrlich? Das ist mir völlig egal. Angelina Jolie macht es gut. Sehr gut. Ob sie jetzt finden, dass Filme wie dieser einen Platz im rundfunkabgabefinanzierten öffentlich-rechtlichen TV haben sollen, oder nicht, das würde mich mal interessieren. Für mich ist „Popcorn“ tatsächlich dann und wann ein Grundbedürfnis. Nur von Kunst wird man(n) nicht satt. Und nur „die Dosis macht das Gift“! (Paracelsus) – Das ist ganz wie bei Lebkuchen…

Filmfrauen IV: Die Thalbachs – Wir sind die Rosinskis (2016)

Ich liebe sie einfach, die Thalbachs! Alle! Katharina kommt mir im Alter am nächsten. Und sie ist die größte von allen. Was ich schon so enthusiastisch über den George geschrieben habe, verdient sie wohl mindestens zwei Mal. Ganz wie der, hat sie eigentlich auch ihr eigenes Genre geprägt. „Ein Film mit Katharina Thalbach“, mehr Grund brauche ich nicht zum Einschalten. Solche kleinen funkelnden Edelsteine beweisen, was tatsächlich geht, wenn es passt. Der furchtbare Durchschnitt wird so noch erkenntlicher. Und davor haben sie Angst, die Anstalten. Und deshalb ist das deutsche Fernsehen, was es ist. Machen wir diesen Film nicht größer, als das, was dieser Film ist… „nur“ hervorragende (leichte) Unterhaltung. Die dieser Autor gerne immer wieder sieht.

Roadmovie I: Glück auf einer Skala von 1 bis 10 (2022)

Ein „Frauenfilm“ ist das hier nicht. Zwei Männer, eng befreundet, beschließen einen Film zu machen. Sie schreiben das Buch gemeinsam, führen gemeinsam Regie und spielen auch noch beide Hauptrollen. Und warum machen sie das? Um eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte ihrer Freundschaft. „Ein metaphysisches Experiment sich im Sterben zu üben“. Und ein großes Plädoyer Jolliens und Campans, nicht nur an die Kinowelt, Menschen, die wir unter dem Etikett „behindert“ in der Regel höchstens von der Seite aus wahrnehmen, auch als Autor:innen, Regisseur:innen und Schauspieler:innen in das Zentrum von Geschichten und Filmen zu stellen – wenn Kino denn ein wahrhaftiges Abbild unseres Lebens sein soll. Wäre nicht erst das tatsächlich Inklusion? Ich habe wirklich lange keinen Film mehr gesehen, der mich so glücklich gemacht hat. 9,5

Roadmovie II: Das Leuchten der Erinnerung (2017)

Ob jetzt Krebs oder Alzheimer das größere Arschloch ist, möchte ich nicht entscheiden. Im Grunde meide ich beide, soweit ich es im Alltag denn verdrängen kann. Und dennoch habe ich mir angesehen, wie zwei alte Menschen, sowohl vom einen, wie vom anderen gezeichnet, sich in einem alten Winnebago auf die letzte Reise ihres Lebens machen. Mit Helen Mirren und Donald Sutherland. Am Ende sind wir sowieso alle tot. Vorher noch ein bisschen Freude zu haben, ist vermutlich das, was wir daraus lernen und wirklich nicht vergessen sollten, wenn es für uns mal soweit ist. Dann wird das ein gutes Ende.

Berlin VI / Filmfrauen V: Tom Tykwer – Lola rennt (1998)

Tykwer war das verdammt größte Genie des Planeten, als er den Film gegen Ende des letzten Jahrtausends abgeliefert hat. An dem würde er danach – für den Rest seines Lebens, auf immer und ewig – gemessen werden. Und für die Potente hätte ich wohl, ohne zu überlegen, meine damals vielversprechenden Karriere als Taxifahrer und Möbelhausregaleinräumer sofort an den Nagel gehängt, um jeden Supermarkt zwischen Dülmen und Berlin auszuheben… meine Fresse. War. Die. Gut! Jetzt mal ehrlich und todernst: Wenn sie Kinder haben, so im Alter zwischen 12 und 42, dann nehmen sie sich die 81 Minuten, die es braucht, um ihnen diesen Film zu schenken. Es könnte ihr Leben verändern. Für immer!

Was für eine Woche! Ich will das Jahr noch nicht abschließen. Aber viel besser wird es vermutlich wirklich nicht mehr. Ich hoffe sie haben die eine oder andere Mediathekperle finden können, die sie bis Weihnachten durch die Zeit bringt. Es ist zu vermuten, dass die Anstalten dann nochmal aufdrehen und tief in das Archiv greifen werden. Vermutlich werden sie hier davon lesen.

Bleiben (werden) sie gesund und am Leben!

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