Die Woche (52/2023)

Rückblicke allerorts. „Zwischen den Jahren“ mag ich eigentlich weder mein Internet, noch mein Fernsehprogramm anschauen. Ich brauch das nicht. Es langweilt mich. Ich war doch dabei! Gut, dass ein Jahresrückblick in diesem Blog gar keinen Sinn machen würde. Denn es ist schon doof genug, dass schon Mediathek-Links von vor einer Woche nicht mehr funktionieren. Sei es drum: Das Letzte aus 2023. Und das hat sich dann doch wieder gelohnt!
Anneke Kim Sarnau hr-fernsehen: HIT MOM – MÖRDERISCHE WEIHNACHTEN, Fernsehfilm, Deutschland 2017, Buch: Clemens Schönborn, Regie: Sebastian Marka, am Montag (25.12.23) um 21:45 Uhr. - Bild: HR
Hanni (Anneke Kim Sarnau).  Bild © Hessischer Rundfunk, 2017
Weihnachtsfilm I. – Anneke Kim Sarnau – Hit Mom (2017)

In der vorherigen Woche habe ich mir noch geschworen, keine Weihnachsfilme zu besprechen, dann kam das Weihnachtsschnitzel daher. Und weil der gebrochene Schwur mich hat ungeniert werden lassen, musste Anneke Kim Sarnau auch unbedingt in den Blog. Für einen deutschen Fernsehfilm ist das hier wahrhaftig eine „schwarze Komödie“. Für einen Weihnachtsfilm ist das hier geradezu ein Bruch mit der Konvention. Und für mich ist dieser kleine Film vom Hessischen Rundfunk deshalb eine echte und tiefschwarze Mediathekperle die glücklich macht. – Und wenn sie bis Ostern warten wollen, sich das anzusehen, bitte sehr!

Politisch! – Flood the Zone with Shit – Brexit, Chronik eines Abschieds (2019)

Ein wahnsinnig gelungenes Stück aufklärerisches Fernsehen von Channel4 in Großbritannien. Unbedingt lehrreich auch für uns! Wir haben genug davon auf dem Programm für das nächste Jahr: Das geht mit der Wahl zum Europäischen Parlament los, führt über Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg… bis zur möglichen Wiederwahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA weit jenseits dessen, was wir uns „zwischen den Feiertagen“ als Wohlfühlprogramm freiwillig zumuten würden. Tun sie es trotzdem!

Politisch! / Weihnachtsfilm II. – Roadmovie – Green Book (2019)

„Green Book“, von Peter Farrelly, ist formal ein Roadmovie und als solcher schon Teil einer meiner präferierten Gattungen. „Green Book“ war schon von seiner Prämisse her darauf angelegt, die Oscar-Jurys zu beeindrucken. Der Film sieht einfach nur gut aus. Er fühlt sich zudem ja tatsächlich auch gut an. Denn die Reise, die der schwarze Pianist (Mahershala Ali) und sein proletarisch gutherziger italo-amerikanisch weißer Chauffeur (Viggo Mortensen) erleben, liegt 60 Jahre in der Vergangenheit. Die Reise aus New York City in den rassistischen Süden der USA ist überaus reich an schönen Bildern, der Soundtrack überaus mitreißend – das Ende, an Heiligabend, qualifiziert ihn sogar noch als „Weihnachtsfilm“. (3 Oscars!)

Für eine bessere Welt! – The Kindness of Strangers (2019)

Die Kritik hat diesen Film vernichtet. Ihm vorgeworfen, den Kampf gegen den Neoliberalismus zu miniaturisieren, ja zu privatisieren. Dabei haben sie übersehen, dass es tatsächlich ein modernes Märchen ist, das hier erzählt wurde. Und natürlich leben seine Protagonist:innen am Ende „happily ever after“. Ich mag den Film für das was er ist: Ein Appell mit offenen Augen durchs Leben zu gehen – und an die Solidarität unter den Menschen. – Der Beitrag stammt aus dem „Fluter“ – Dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung und ist eine Übernahme unter CC-BY-NC Lizenz.

Alkohol – Mads Mikkelsen – Der Rausch (2020)

„Es begann als Film über Alkohol und Freundschaft, und dann hatten wir den Ehrgeiz, ihn zu einem Film über das Leben zu machen. Es geht nicht nur darum, am Leben zu sein, sondern zu leben.“ (Thomas Vinterberg, Regisseur) – Ein Film über durch und durch bürgerliche Männer in der Midlife-Crisis. Ein Film über Alkohol. Und ein Film der Mads Mikkelsen auf den Leib geschrieben wurde. Ausgezeichnet als „Bester internationaler Film“ bei den Oscars 2021. Was bleibt, von diesem Film, ist am Ende auch eine Feier des Lebens. Und ein Realitätscheck. Denn nicht alle der Männer überleben die Geschichte.

Parodie – Oliver Kalkofe – OSS 117

Parodien sind heikel. Das Original so gut zu kennen, das Aussehen, Ticks und Gewohnheiten, ein Selbstverständnis nachzuempfinden. In der Lage zu sein, über sich selbst hinauszuwachsen und auf all das spöttisch zu reagieren, und zwar auf eine Art und Weise, die dem Publikum das Gefühl gibt, ein Teil des Witzes zu sein. Kurz gesagt, das Ding sein und gleichzeitig seine Distanz zu ihm erklären. Ob sie diese französische Machosatrie jetzt gut finden, weiß ich natürlich nicht. Aber wenn sie Kalkofe mögen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß! Er hat sowohl das Dialogbuch geschrieben, als auch die Hauptrolle synchronisiert.

ZDF Mittagsmagazin – Kiezgebiet Neukölln – Sonnenallee (2023)

Bevor heute Nacht wieder die Kriegssimulation in deutschen Metropolen losgehen, konnte das ZDF diese kleine Doku-Mini-Serie eigentlich nicht besser timen. Quasi als Vorpremiere für das neue Mittagsmagazin steht die 4-teilige Dokumentation „Sonnenallee“ schon in der Mediathek. Und weil anzunehmen ist, dass „Neukölln“ zum Jahreswechsel wieder als Synonym für alle möglichen Eskalationen der vollkommen unnötigen Silvesterballerei genutzt werden wird, kommt sie zur richtigen Zeit. Kein spektakulärer Leuchtturm öffentlich-rechtlicher Großproduktionen. Nur ein kleines Format, mit dem ab Januar die, auf das doppelte gestreckte, Sendezeit des ZDF Mittagsmagazins gefüllt werden soll. Und wenn Sendezeit so genutzt wird, dann hat sie einen Sinn.

Frauen an die Macht! – Skål, Genoss:innen! – Smart Girls Go for President (2023)

„Basiert auf Wahrheit, Lügen und miesen Erinnerungen…“ – wenn ein öffentlich-rechtliches „Biopic“ mit so einem Disclaimer startet, dann ist Hinsehen eine Beitragszahler:innenpflicht. Und weil es aus Norwegen kommt, gleich nochmal! Wobei sie ihre Sehgewohnheiten wahrscheinlich neu justieren müssen. Denn es ist schon sehr norwegisch und noch mehr spezifisch sozialdemokratisch, was ihnen hier vorgeführt wird. Ich kenne beides sehr gut – und hatte viel Freude daran!

Roadmovie – Charly Hübner – Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt (2017)

Weil das TV-Programm zu Silvester so trostlos wie erwartbar ist, muss dieser Film einfach. Und dass ich Charly-Hübner-Fan bin, wurde in diesem Blog ja schon erwähnt, erklärt also auch schon genug, eigentlich. Nun ist dieses Kleinod aber eben auch genau der Film, den wir brauchen: Wenn wir am Neujahrsmorgen gegen 4 von der Party kommen oder einfach nur noch wach auf dem Sofa liegen. Es ist ihre kulturelle Bürger:innenpflicht, diesen Film zu feiern. Wenn schon nicht für Hübner und seine liebenswerte Crew, wenn schon nicht für seine Vibes und seinen Flow, dann für die Zeit, die wir überlebt haben und nicht zurückbekommen.

Ben Whishaw & Hugh Grant – A very English Scandal (2018)

Die Definition einer „Mediathekperle“ ist einfach: Ein Stück TV, das sie möglicherweise verpasst haben, weil sie nichts davon wussten, aber unbedingt sehen sollten. Wie diesen queeren englischen Dreiteiler mit Hugh Grant und Ben Wishaw. Nach einer wahren Geschichte. Die Miniserie war im Februar diesen Jahres erst im Programm der ARD. Doch nie käme ich auf die Idee, mich über die häufige Wiederholung zu beschweren. Für mich ist eine Wiederholung jedes Mal eine Befreiung erstklassigen Fernsehens aus den Fängen der Streaming-Content-Mafia. Und damit hat ONE, der Nischenkanal der ARD, tatsächlich eine gesellschaftlich relevante Funktion. Wenn das Programm nur häufiger so wäre, wie gestern Nacht. Very, very good, indeed!

Das soll genügen, für dieses Jahr. Mir war es eine Freude hier für sie schreiben zu dürfen. Ich hoffe sehr, sie haben etwas gefunden, das ihr Leben etwas bereichern konnte. Denn nur darum geht es doch. Es nicht bedauern zu müssen, wertvolle Lebenszeit in schlechtes Fernsehen investiert zu haben. Diese Zeit gibt uns niemand zurück. Die ist weg. Für immer!

Und eine Bitte hätte ich auch: Erzählen sie ihren Freund:innen von diesem Blog. Teilen sie die Beiträge, die sie mögen. Denn in der Masse des Internets geht so ein Angebot zwangsläufig unter. Für Algorithmen ist all das nicht interessant. Und all das hier hat ja erst dann einen Sinn, wenn es jemand liest. Das ist eigentlich ganz wie mit dem guten Fernsehen. Was ist es eigentlich wert, wenn kein Mensch es sieht?

Ich wünsche ihnen allen – und allen die ihnen wichtig und lieb sind – ein „besseres“ neues Jahr.

Mögen wir es alle überleben!

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