Die Woche (03/2024)

Geht das? Nach dieser, in jeder Hinsicht bemerkenswerten Woche, einen Rückblick zu schreiben, der sich auf etwas so unwesentliches wie die öffentlich-rechtlichen Mediatheken beschränkt. Die Antwort ist, ja, das geht nicht nur, das beschränkt sich auch in keinster Weise!

Denn auch das Programm war in dieser Woche durchaus bemerkenswert. Und was mit einem kleinen „harmlosen“ Thriller aus deutscher Fernsehproduktion begann, und dann mit einigen (Blog-) Wiederholungen weiterging, sollte mit einem Welterfolgsfilm enden, der nichts weniger zum Thema hat, als die Machtübernahme der Nazis in Deutschland. Volles Programm also! Doch der Reihe nach:

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Rosalie Thomass – Jackpot (2021) – bis 19.02.2024

Montag: Die Mediatheksuche bringt außer dem (guten) Kölner Tatort und der hier am letzen Sonntag schon angekündigten neuen ZDF-Serie nichts hervor, worüber dieser Autor gerne schreiben würde. Deshalb ein Griff in das Regal: Ein kleiner deutscher Thriller. Schmutzig und geradlinig. Herausragend im Krimi-Einerlei der ARD. Vielleicht wollen sie das sehen?

Treckerdemos beim MDR – Zwei Bauern und kein Land (2017) – bis 15.01.2025

Hier weiß ich nicht, ob der Film etwa in Vorwegnahme des 70. Geburtstages von Deutschlands größter kleiner Frau, der unübertreffbaren Katharina Thalbach programmiert wurde, oder als nachlaufender Kommentar zu den Treckerblockaden der letzten Woche. Es bräuchte schon eine gehörige Portion Verschwörungstheorie, dem MDR zu unterstellen, die Programmierung dieses ARD/Degeto Heimatfilms etwa mit den fortlaufender Blockaden aufgestachelter Landwirte, dem Bundesfinanzminister oder der AfD in Verbindung zu setzen. Da glaube ich eher an Zufall. Auch weil ich der ARD solch eine Reaktion auf gesellschaftspolitische Ereignisse schlicht und einfach gar nicht zutraue. Wie auch immer. Dieser „Western“ aus dem Osten ist Lebenszeit wert. „Es wäre leicht, einen deprimierenden Film über dieses Thema zu produzieren. Aber es erfordert einiges an Talent, das Bauernsterben in einer urigen Komödie zu verarbeiten, ohne die Probleme aus dem Blick zu verlieren.“ (Oliver Jungen, FAZ, 03.03.2017)

Alte Männer, Freundschaft, Rock&Roll – So viel Zeit (2018) – nur noch bis 24.01.2024!

Die Überschrift ist alles andere als diskriminierend gemeint. Ich bin ja selber einer. Deshalb einer meiner liebsten Wiederholungen, sowieso. Denn ich habe die Achtziger überlebt und ich kann mich erinnern. Wer auch immer zu der Zeit im Ruhrgebiet unterwegs war, der/dem geht es bei diesem Film wohl ähnlich. Das passt hier schon ganz gut. Und… man(n) muss die Kerle einfach lieben. Eine große nostalgische Ballade über Freundschaft, Rock&Roll und das Leben. Nicht mehr, und nicht weniger. Mit Jan Josef Liefers, Jürgen Vogel, Armin Rohde, Richy Müller, Matthias Bundschuh und den Scorpions.

Veit Helmer – Vom Lokführer, der die Liebe suchte (2018) – bis 15.04.2024

Der Film war eine Ewigkeit in der Mediathek verfügbar. Und dann war er weg. Um nur zwei Wochen später wieder verfügbar zu sein. Das liegt an der völlig unkoordinierten Wiederholungspraxis der ARD Anstalten. Und zu dem Thema kommen wir noch. Jedenfalls ein Film, in dem kein einziges Wort fällt, der aber deshalb kein Stummfilm ist, sondern mit Geräuschen tatsächlich zu „berauschen“ vermag. Ein Film, der so klein ist, dass er über die wenigen Programmkinos und die Mitternachtseulen vor den TV Bildschirmen hinaus wohl kaum ein Publikum finden konnte, der aber so große, hinreißende Bilder fand, mit so faszinierenden Gesichtern und Figuren eine so wundervolle, zu tiefst romantische Geschichte erzählt. Diesen Widerspruch auszuhalten, ist ein Teil des „Geschäfts“.

Ich liebe diesen Film!

Moralischer Drohnenkrieg? – Eye in the Sky (2015) – nur bis zum 23.01.2024

Auch dieser Film wird häufig wiederholt. Und auch dafür bin ich durchaus dankbar. Denn dieser britische „Kriegsfilm“ erscheint zwar formell als ultra-modernes aber konventionelles Kriegsdrama. Die vagen moralischen Linien und der unmenschliche Zynismus des politischen und militärischen Apparates existieren noch, aber hier sind alle Verantwortlichen Tausende von Kilometern vom Kreuzfeuer und seinen Opfern entfernt. Der Drohnenkrieg als Videospiel, geführt aus Konferenzräumen und einem Stahlcontainer irgendwo in Nevadas Wüste, tief im amerikanischen Hinterland. Doch die Abstraktion des Krieges ist unmöglich. Und schon der Versuch der Abstraktion einer moralischen Verantwortung für die Opfer ist ein Kriegsverbrechen. Subtile aber klare Botschaft. Wichtiger Film! (Außerdem der letzte Film des großen Mimen Alan Rickman.)

Charly Hübner & Sophie von Kessel – Das Verhör in der Nacht (2020) – bis 15.11.2024

Ein Anti-Film von Matti Geschonneck, gegen Sehgewohnheit und Normatives Fernsehen. Zwei Menschen, ein Raum, eine Nacht. Was der Regisseur hier inszeniert hat, „geht ums große Ganze, um Freiheit und Sicherheit, um Gewalt und Legitimität, in einem bar jeglicher konventioneller Handlung fesselnden Film“ (Jens Müller in der taz). Und viel mehr als das müssen sie eigentlich gar nicht wissen. Zwei Schauspieler:innen, in einem Raum, in einer Nacht – quasi in Echtzeit. Das ist entweder wirklich spannend, oder es ist es nicht. Hier ist es wahrhaftig und unglaublich großartig!

Von der Bedeutung von unabhängigem Journalismus – CORRECTIV im Berliner Ensemble (2024)

Wenn sie am Mittwochabend den Stream aus dem Berliner Ensemble gesehen haben, dann waren sie möglicherweise genau so beeindruckt wie ich, von der „Eventisierung“ eines Stücks investigativen Journalismus. Dafür haben die Macher:innen ein gutes Stück Kritik einstecken müssen… Diese Kritik teile ich ganz und gar nicht. Da bin ich ganz bei David Schraven, und seinem Team, die mit CORRECTIV immer schon unkonventionelle Wege beschritten haben, die Ergebnisse der gemeinnützigen Recherchefabrik unter das Volk zu bringen. Wie wirksam dieser Journalismus sein kann, zeigen uns Hunderttausende auf Deutschlands Straßen und Plätzen. Etwas, dass ich zwar zu hoffen gewagt, doch niemals für möglich gehalten habe.

(Offenlegung: Ich habe Schraven vor über 13 Jahren mal bei einer Recherche für die WAZ geholfen, viele Emails ausgetauscht und mehrmals mit ihm telefoniert. Persönlich getroffen habe ich ihn nie.)

„Bei der Produktion dieses Films kamen keine Tiere zu Schaden!“ – Familie Lotzmann auf den Barrikaden (2018) – bis 03.02.2024

Echt jetzt… hier musste ich erst mal nachschlagen ob diese ziemlich einmalige Produktion (2018) tatsächlich aus dem (deutschen) ARD-Degeto Haus stammt und nicht etwa von Helmut Zenker und Peter Patzak aus dem glücklichen Nachbarland Österreich. Glücklich sind die Menschen dort, weil brilliante TV-Satire zwischen Wien, Salzburg und Innsbruck einfach die größere Tradition hat, als etwa ausgerechnet in Wolfsburg, Niedersachsen. Aber wenn wir ehrlich sind… dann traut sich das deutsche Fernsehen ja noch immer nicht wirklich. Also etwa diese glücklich machende Komödie mal wieder auf einen 20:15 Sendeplatz zu stellen… denn so was hätte die Zuschauer*innen vermutlich verunsichern können. So großartig ist diese im allerbesten Sinne „alberne Komödie“! 😉

Dev Patel – Der lange Weg nach Hause (2016) – bis 25.01.2024

Auch hier haben wir wieder einen Film der gerade noch da war, dann war er weg… und jetzt ist er wieder da. Schon klar, dass diese krasse Programmierung etwas mit Medienstaatsverträgen und Lizenzvereinbarungen zu tun hat. Für diesen Blogger ist das Arbeit. Und für das Publikum unter Umständen höchstgradig verwirrend. Dabei haben wir hier einmal wieder einen Film, der so viel größer ist, als das Fernsehen. Mit einer (wahren) Geschichte, die uns bewusst machen könnte, wie klein die Welt eigentlich ist. Was bestimmt unsere Identität, wo sind wir zuhause, wenn ein Leben buchstäblich aus verlorenen Spuren besteht und durch Zufälle bestimmt wird? Wenn sie die Geschichte dieses „Löwen“ gesehen haben, werden sie diesen Film nicht mehr vergessen.

Ein ARD-Zukunfts-Rant / Charly Hübner – Unter Nachbarn (2011) – bis 20.05.2024

Weil ich mich medienpolitisch gerade in Rage geschrieben habe, ging das in diesem Beitrag gleich weiter. So von wegen „Zukunftsplan für die Öffentlich-Rechtlichen“… Denn sollte ein Mensch, so wie ich, auf die Idee kommen, mal in der ARD Mediathek einfach nach Charly Hübner zu suchen, dann wirft die Suchmaschine dort derzeit ganze 64 Videos aus. Diesen Film allerdings, kennt sie nicht. Und das ist, „in a nutshell“, eines der zentralen Probleme dieser Plattform. Die vollkommene Lieblosigkeit mit der ihre Inhalte gepflegt und für das Publikum aufbereitet werden. Das ärgert mich so wahnsinnig, weil es eine Missachtung der Zuschauer:innen ist, aber, und das ist ebenso schwerwiegend, auch eine Missachtung „der Kreativen“ und eine Geringschätzung des eigenen Materials. Denn etwas, was nicht gefunden wird, wird nicht gesehen. Also ist das genau so, als würde es gar nicht existieren!

Und nicht nur dieser Film hat das einfach nicht verdient!

WDR Petition: Buhrow abwickeln und Küppersbusch jetzt!

Von wegen Medienpolitik… der wichtigste (und bestbezahlte) Intendant aller ARD Anstalten hat schon angekündigt, dass seine Karriere bei jener Anstalt ein vorzeitiges Ende finden wird. Höchste Zeit also, sich um seine Nachfolge zu kümmern. Dazu habe ich eine Petition geschrieben und das Bewerbungsvideo meines nominierten Kandidaten gleich beigefügt. Spektakulär! Ein Dortmunder Journalist spricht live 3996 Sekunden lang in eine Kamera.

Robert Redford – Ein Gauner & Gentleman (2018) – nur bis 26.01.2024!

Ich hör ja schon auf, mit dem Jammern über Wiederholungen… hier habe ich einfach gerne einen Beitrag aus dem Dezember recycelt. Robert Redford war ja mein ganzes Leben einfach immer da. Ein schöner Abschied! Es war mir ein Fest und ein lebenslanges Vergnügen, Sir!

Das (gar nicht) kleine Fernsehspiel – Stille Post (2022) – bis 18.04.2024

Ein hochpolitischer Film, knallharte Medienkritik und eine wahrhaftige Tragödie. Weil kaum ein Mensch diesen Film sehen wird, wenn er vom ZDF nächste Woche Montag um fünf nach Mitternacht in der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ im linearen Programm versenkt wird. Auch wenn die Mediathek natürlich das Mittel der Wahl ist, diese Schande zu mildern – wird hier einmal mehr deutlich, wie wertvoller Sendeplatz von redundanten Talkshows (ich meine sie, Frau Illner, Herr Lanz!) blockiert wird und wofür dieser, gesellschaftlich weitaus relevanter, genutzt werden könnte!

Der ultimative Horror deutscher Effizienz – Die Wannseekonferenz (2022) – bis 18.11.2024

Der wichtigste Film der Woche. Wenn es nach mir ginge, dann müsste dieser Film in allen Mediatheken auf der Startseite stehen. Aber das ist mit der Medienökonomie und dem Wettbewerb der Streamingplattformen wohl nicht zu vereinbaren. Deshalb ist dieser Wettbewerb auch falsch! Geht es hier doch nicht nur um einen (den?) historischen Grund dafür, dass in dieser Woche bald eine Million Menschen demonstrieren gegangen ist, sondern auch darum, niemandem eine Ausrede zu erlauben, er/sie hätte davon nichts gewusst…

Wie soll ich sonst einen Film besprechen, der die Vorbereitung zu dem monströsen Menscheitsverbrechen des Holocaust zum Gegenstand hat? Kriterien, die an einen (auch historischen) Spielfilm anzulegen wären, versagen hier einfach. Und eine nüchterne Dokumentation ist das hier sicher auch nicht. Doch angesichts der intendierten Verharmlosung eines Begriffes wie „Remigration“ ist dieser Film die notwendige Einordnung.

9/11 reloaded – Code 7500 (2019) – nur bis 27.01.2024

Am 11. September 2001 stieg ich gegen 14:40 in Düsseldorf in einen Airbus der SAS oder der Air-Berlin – an dieses Detail kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Nur ca. eine Stunde später hat die Maschine in Kopenhagen-Kastrup aufgesetzt. Bis zum Öffnen der Kabinentür war es nur ein weiterer meiner damals wöchentlichen Flüge ins Büro… und danach war die Welt für uns alle nicht mehr die selbe.

Ein Thriller über eine Geiselnahme an Bord eines Fluges von Berlin-Tegel nach Paris? Bei so einem Thema fällt es mir einfach schwer da keinen Zusammenhang herzustellen. Und weil er bei der ARD recht regelmäßig wiederholt wird, lohnt es sich auch ihn zu besprechen. Sollten sie unter Flugangst leiden, schauen sie sich diesen Film unter keinen Umständen an!

Als die Nazis sich die Musik holten – Comedian Harmonists (1997) – 19.02.2024

Bei den Filmen von Joseph Vilsmaier war ich meistens ambivalent. Ich habe sie für ihre Perfektion bewundert, doch seine Figuren drangen einfach nicht durch. Hier war das anders. Denn Comedian Harmonists ist weit mehr, als eine Hymne an einen der erfolgreichsten Musik-Acts seiner Zeit, sondern auch eine Nacherzählung, wie es war, als die Nazis die Kultur und die Kunst geholt haben. Dieser Film passt heute vielleicht noch mehr in die Zeit, als 1997. Denn inzwischen hat sich, nicht nur, Deutschland grundlegend neu sortiert. Und auch in den Kämpfen um die Freiheit der Kunst und Kultur – denken wir nur an die Sprache – haben sich neue Fronten gebildet. Zentrale Angriffslinien des Faschismus haben sich immer zuerst dieser Definitionsmacht bedient. Und der totalitären Macht auch damit zu entscheiden, wer „dazu“ gehört und wer nicht.

Wenn sie die Kunst holen, ist es schon zu spät!


Ich danke ihnen sehr für’s Einschalten. Vor allem danke ich ihnen nicht nur für das Lesen, vor allem auch für das Teilen der Beiträge dieses kleinen Blogs über das, was es – nicht nur – „im Fernsehen gibt“. All das ist ja, wie immer, auch sehr persönlich. Und sicher ist es nicht immer kompatibel mit ihrem Geschmack, ihren Vorlieben oder ihrem Empfinden. Und deshalb sind sie mir so wichtig. Denn nur wer sich neuem nicht mehr aussetzen kann ist alt!

May you stay forever young!

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