Die Woche (05/2024)

Zu den wirklich unerquicklichen Dingen, denen die Mediatheken einen Newsletter wie diesen unterwerfen, gehört die, sehr oft, sehr kurze Online-Verfügbarkeit vieler internationaler Produktionen. Wir wissen alle, dass dafür, vor allen anderen, zuerst die Rundfunkpolitik verantwortlich ist – und die Lobby kapitalistischer Presse, Rundfunk-& Streamingveranstalter, die eben genau weiß, wie diese „Politik“ zu beeinflussen ist.

Bild: NexxtPress / Stable Diffusion AI

So kommt es leider oft, dass ein Film, über den ich am Montag der Woche geschrieben habe, zum Erscheinen dieses Newsletter schon nicht mehr verfügbar ist. Niemand ärgert sich darüber mehr als ich. Und in dieser Woche sind es schon wieder einige Filme, bei denen wir uns beeilen müssen, bevor sie schon wieder weg sind.


Wahre Geschichte(n) – Kästner und der kleine Dienstag (2016) – abgelaufen

„Ob eine Geschichte wirklich passiert ist, oder nicht, ist egal. Hauptsache, sie ist wahr.“ ist eines der Zitate, die mich schon mein ganzes Leben begleiten. Hier geht es um die Geschichte Erich Kästners, der kein Held war, und seines kleinen Freundes. Außerdem eine authentische Inszenierung der Machtergreifung der Nazis, ganz ohne diesen die Dominanz der Bilder zu überlassen. Der wahre Schatz des Filmes liegt aber in dem zugrundeliegenden Drehbuch von Dorothee Schön. Die Autorin hat hier nicht nur den Protagonisten eine wahrhaftige Geschichte geschenkt, sondern besonders die (wahre) Geschichte von Hans-Albrecht Löhr, des „kleinen Dienstag“, in das Zentrum derselben gestellt – und ihm damit tatsächlich ein Denkmal gesetzt. Allein die Genese ihres Drehbuchs liest sich schon so spannend, wie ein Roman.

UPDATE 05.02.2024 – 06:23: Der Film ist Dank einer Wiederholung beim BR nun wieder eine Woche in der Mediathek verfügbar!


Eine historische Schande der USA – Der Mauretanier (2021) – nur bis zum 05.02.2024 (!)

Die „Herstellung von Erinnerung“ ist eine der wichtigsten Rollen der Kultur. Und, ob wir es wollen, oder nicht, der Einfluss von Filmen auf unser kollektives Gedächtnis ist größer, als uns häufig bewusst ist. So werden wir auch von Hollywood mitunter manipuliert, mitunter werden wir aufgeklärt und mitunter werden wir erinnert. Hier handelt es sich um eine Wiederholung aus dem Januar. Wieder nur für eine Woche. Dabei ist das hier ein wichtiger Film. Und größer als seine Geschichte. Denn es ist Gelegenheit sich daran zu erinnern, dass noch immer rund 30 Menschen in Guantanamo Bay, dem exterritorialen Gefängnis der USA auf ihrem Militärstützpunkt auf Cuba festgehalten werden. Der Krieg „gegen den Terror“ ist noch lange nicht vorbei! Mit Tahar Rahim, Benedict Cumberbatch, Jodie Foster.


Ken Loach und die Liebe – Just a Kiss (2004) – bis 28.02.2024

Der große alte Mann des britischen Sozialdramas hat uns 2004 einen Film geschenkt, der ebenfalls dem Themenkomplex 9/11 und dem amerikanischen Krieg im Nahen Osten zuzuordnen ist. Doch mitten in diesem gesellschaftlichen Klima, macht Loach ausgerechnet einen „Liebesfilm“? Hatte er noch all seine Sinne beisammen? Ja, hatte er. Und besonders scharfen Verstand. Denn eine Geschichte ausgerechnet über einen schottisch-pakistanischem Muslim Casim (Atta Yaqub) und die irisch-katholische Roisin (Eve Birthistle) zu erzählen, war ein überaus treffender Kommentar zum gesellschaftlichen Klima. Mehr Konfrontation britischer Stereotypen und stigmatisierter Gemeinschaften war eigentlich gar nicht vorstellbar. „Romeo und Julia reloaded“.


Epic Fail – Die Päpstin (2009) – bis 10.08.2024

Am Donnerstag war im täglichen Download der Indexdateien aus den Mediatheken wirklich nichts neues dabei. Da konnte ich es mir nicht verkneifen, auf diesen epischen Fehlschlag öffentlich-rechtlicher und privater Kooperation zu verweisen. Kann ja schon mal passieren, dass ein Film daneben geht. Allerdings war dieser Leuchtturm wieder so teuer, dass viele kleinere Filme dafür keine Finanzierung haben finden können. Und das ärgert mich gar maßlos.


Heinz Strunk & Charlie Hübner – Heute wird gelebt (2017) – bis 20.10.2024

Weil ich es bei dem Fehlschlag nicht belassen wollte, hier gleich ein kleines, schmutziges Meisterwerk, dass fast nichts gekostet haben dürfte. Wenn zwei Genies aufeinandertreffen, dann potenziert sich ihre Superkraft oder sie hebt sich auf. Bei Alleskönner Heinz Strunk (auch Drehbuch) und Allesspieler Charly Hübner haben wir hier zwei, die tatsächlich aufeinander gewartet haben… Und zwar um den ganzen Glanz und auch das Elend völlig absurder „Männer“ (und loyaler Freunde) auf der ziemlich trostlosen Suche nach der großen Liebe zu spielen. Genau mein Thema!


Kida Khodr Ramadan – Testo (2024) – bis 02.02.2025

Das neue Ding von Kida steht in der Mediathek, und die ganze ARD hält die Luft an. Denn das ist wichtig! Soll die Mini-Serie doch einerseits die „neue“ Online-Strategie des öffentlich rechtlichen Dickschiffes demonstrieren. Und dann möglichst auch noch den Altersschnitt ihres Publikums um mindestens ein Jahrzehnt nach unten drücken. Ist das jetzt „besser“ als „Asbest“, dem Mediathekenhit aus dem letzten Jahr? Falsche Frage! Es ist etwas grundlegend anderes! Wo wir im letzten Jahr eine tatsächlich eine – mit ihren Mitteln – epische „Familen-„Geschichte serviert bekamen, haben wir dieses Jahr eine schnelle, ironische, kleine, improvisierte Story, fast in Echtzeit vor uns. Einen Comic. Da findet Geschichte vor allem auch zwischen den Bildern statt. Da ist nicht viel Text. Da fällt auch schon mal was raus, da endet eine Szene auch schon mal beim Umblättern. Fett!


Jean-Jacques Beineix – Diva (1981) – bis 10.02.2024

Diva schafft es immer wieder in das Programm der Mediatheken. Und dafür bin ich dankbar. Denn so kann ich immer wieder darüber schreiben. Und, ich sage ihnen, der zivilisatorische Fortschritt der Menschheit mag die Welt in vielen Bereichen zu einer besseren – und in anderen Bereichen zu einer viel schlechteren gemacht haben. Das Kino, das wir heute kennen, wäre undenkbar, ohne die wahrhaftigen, ästhetischen, technischen und erzählerischen Gipfelstürmer:innen ihrer Kunst jener Zeit. Wenn sie den Film tatsächlich noch nicht kennen, wenn sie wissen wollen, warum und wofür ich das Kino liebe, dann müssen sie das sehen!


Juliette Binoche, Johnny Depp – Chocolat (2000) – bis 29.02.2024

Ob etwa der genussvolle Verzehr von hochwertiger Schokolade ein Mittel wäre, aus Nazis aufgeschlossene, tolerante und verständnisvolle Menschen zu machen, darüber können sie ja einmal eine Minute lang nachdenken. Vermutlich wird das nicht genügen. Doch ist der wundervolle Film von Lasse Hallström ein sinnliches Plädoyer für Toleranz und die Würde des Menschen. Dieser Film eines Schweden, produziert in Hollywood und gedreht in einem Dorf in Frankreich, in welchem tatsächlich die Zeit stehen geblieben ist, ist ein Film für die Welt. Weil die Geschichte eine universelle ist. Der unausweichliche Sieg der Liebe und des Lebens über den Faschismus der Biedermänner und Brandstifter – hier repräsentiert durch Kirche und Adel, (alles Männer!) – wird hier nicht in Paraden zelebriert, sondern in einem Fest auf dem Dorfplatz. Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes vollendet sich in einem Festival der Freude.

Es ist „Kitsch“. Absolut. Ein Märchen. Vollkommen. Ein Gleichnis.

Und höchster Genuss.

3 Antworten zu „Die Woche (05/2024)“

  1. Avatar

    @mediathekperlen Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, ist die Internetseite https://mediathekviewweb.de/ über die sich die Beiträge in drei unterschiedliche Qualitätsstufen (niedrig, mittel hoch) als MP4 herunterladen lassen. Für Android steht auch die App ZAPP zur Verfügung, welche dieselbe Funktionalität bietet: https://mediathekview.de/news/zapp/

    1. Mediathekperlen
      Mediathekperlen

      Danke für den Hinweis, @dnkrupinski. Ich benutze schon seit Jahren den Linux-Client https://mediathekview.de/ und das funktioniert gut. Doch leider ist auch diese „individuelle Selbsthilfe“ nur möglich, solange die Filme noch verfügbar sind. Und deshalb ärgere ich mich trotzdem, wenn ich einen Rückblick über etwas schreibe, das es zu dem Zeitpunkt dann schon nicht mehr gibt. 🤯

    2. Avatar

      @mediathekperlen Zumindest bleiben in den Mediatheken oft die Internetseiten für die Filme, Serien usw. bestehen, so dass man zumindest darauf verlinken könnte. Alternativ oder auch zusätzlich könnte man bei Serien auf den entsprechenden Artikel bei https://www.fernsehserien.de/ verweisen. Dort gibt es auch entsprechende Links zu anderen Möglichkeiten wie Kanälen bei Streaming-Diensten oder wann der Film, die Serie wieder im linearen Fernsehen erscheinen wird.

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