Die Woche (09/2024)

Zum Ende wurde diese Woche zu den Joachim-Król-Festspielen in ihrem kleinen Familienblog. Doch glauben sie nicht, dass die drei Filme etwa alles waren, worüber es zu schreiben gab. Wenigstens weitere drei bin ich ihnen noch schuldig. Doch das muss warten. Denn andere, schöne und wichtige Filme laufen heute schon wieder ab!

Bild: NexxtPress / Stable Diffusion AI

Ich habe zu dem Bergmannssohn aus Herne einfach ein besonderes Verhältnis. Deshalb betone ich auch das Bergmannssohn in fast jedem Beitrag zu einem seiner Filme. So etwas verbindet. Und bei Menschen aus dem Ruhrgebiet – unserer Generation – ist das noch immer eine völlig selbstverständliche Herkunftsbezeichnung. Und weil wir alle Boomer sind, gibt es auch noch so viele von uns. Ob etwa Jodie Foster, eine andere große Künstlerin meiner Generation,  auch Familie im Ruhrgebiet hat, ist in der Wikipedia nicht zu ermitteln. Ihre Mutter, bis 1992 auch ihre Managerin, jedenfalls hatte wohl Vorfahren in Deutschland.


Jodie Foster – Angeklagt (1988) – nur noch heute!

Content Warnung: Diesen Film wollen sie nicht sehen, um unterhalten zu werden! Auch 36 Jahre nach seiner Premiere ist „Angeklagt“ nur schwer zu ertragen. Weil es ein großartiger Film ist. Ein Plädoyer. Ein Manifest. Ein Meilenstein, nicht nur für Jodie Foster, sondern für alle Überlebenden sexueller Gewalt. Er ist „unerträglich“. Das macht ihn auch heute noch bedeutsam. Denn zum ersten Mal hat ein Mainstream-Hollywoodfilm einer Überlebenden sexueller Gewalt konsequent eine Stimme gegeben. Und die Tatsache, dass es dabei um eine „wahre Geschichte“ handelte, hat es unmöglich gemacht, seine Relevanz in Frage zu stellen. Es war ein Statement der Solidarität und eine Anklage.

Heute, 36 Jahre später und sieben Jahre nach #MeToo, ist es noch immer ein verdammt alltägliches Problem unserer Gesellschaft. Ein Problem mit dem jede Frau zwangsläufig aufwächst, ein Problem das jeden Tag neue „Opfer“ produziert. Und Überlebende.

Hören wir ihnen zu!


Smuggling Hendrix – Nicht ohne meinen Hund (2018) – nur noch heute!

Noch eine ARTE Perle, und noch eine, die heute schon wieder abläuft…: Ich bin mir fast sicher, die Wahrscheinlichkeit ist nicht groß, dass sie sich ausgerechnet einen Film ansehen, der vor der Kulisse des seit 1974 andauernden griechisch/türkischen Konflikts auf der geteilten Insel Zypern spielt, wenn sie sich eigentlich nur entspannen und unterhalten wollen. Und das ist eigentlich sehr schade. Denn Jimi Hendrix hätte es wirklich verdient…


Liam Neeson – Hard Powder (2019) – nur noch bis morgen!

Wenn ein Filmemacher, wie der Norweger Hans Petter Moland, nach Hollywood geht, um seinen von mir gefeierten und ganz eigenen kleinen skandinavischen Independent-Rache-Thriller „Kraftidioten“ mit amerikanischem Geld und der Star-Power von Liam Neeson neu aufzulegen, dann kann ich beim Ergebnis dieses Abenteuers einfach nicht wegsehen. Gut so.

Das Remake „Hard Powder“ ist größer, perfekter und viel teurer als das Original. Besser allerdings, ist der Film deshalb nicht geworden. Doch selbst wenn sie die Vorlage kennen, können sie auch an diesem amerikanischen Action-Thriller noch viel Freude haben. Denn Moland ist sich treu geblieben und erzählt die selbe Geschichte – eben nur für ein anderes Publikum. Und in diesen kulturellen Vergleichen liegt auch ein Gewinn. Im Zweifel ist es die Erkenntnis und der Anlass, die kleinen Originale wiederzuentdecken und sie noch mehr für das zu schätzen, was sie sind.


Deutschland auf der Anklagebank – Ökozid (2020) – bis 28.03.2024

Dieser Film zur Klimakatastrophe steht auf der Seite der Wissenschaft. Fakten werden zu Geschichte. Und ein öffentlich-rechtlicher Spielfilm, angelegt als Gerichtsdrama, zu einem aktivistischen Aufruf, die Katastrophe aufzuhalten. Die ARD-Produktion von 2020 braucht ein Update. Denn auch Olaf Scholz gehört inzwischen so sehr auf die Anklagebank wie Frau Merkel. Und für die Herren Lindner und Habeck findet sich auch noch ein Platz. Einschalten werden die Herren bei dieser Wiederholung aber sicher wieder nicht.

Fragen sie mich nicht, ob für diesen Film nicht der Tatbestand des „betreuten Denkens“ erfüllt ist. Tatsächlich ist er ja ganz nahe dran. Auf die Kritik anderer dazu einzugehen, hieße etwa die Manierismen und das unglaubwürdige Make-Up der Merkel-Figur, oder des kaum gealterten Zamperoni zu thematisieren. Das manche Kritik derartig unpolitisch, ja borniert gewesen ist, dazu kann ich mich auch vier Jahre später nicht verhalten.


Kinofenster – The Zone of Interest (2023) – Creative Commons

Jonathan Glazers filmästhetisch experimenteller Spielfilm über den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß läuft nun in deutschen Kinos. Aus diesem Anlass hier eine ausführliche Filmbesprechung von Jörn Hetebrügge. Dieser Beitrag wurde unter einer Creative Commons Lizenz übernommen von Kinofenster.de, dem Kinoportal der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.


Joachim Król, Nina Petri – Die tödliche Maria (1993) – bis 04.04.2024

Der erste Film meiner Król Retrospektive ist auch einer seiner frühesten Arbeiten für das Fernsehen überhaupt. Tom Tykwers erster Aufschlag mit diesem Spielfilm im Kinolänge geschah 1993 auch beim ZDF. Und dort sehen wir ihn heute wieder – als Teil der Retrospektive „60 Jahre Junge Filme“ in der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“.

Krol, der Pol von Normalität in diesem Horror-Thriller über häusliche Gewalt und Mißbrauch, spielt im Grunde nur eine frühe Inkarnation von sich selbst. Zurückgenommen, schleicht er sich herein, in den Film, als bescheidener, unauffälliger, freundlicher Mann von gegenüber. Aus seiner, im Vergleich, eher kleinen Rolle, zumal neben dieser Partnerin (Nina Petri), einen bleibenden und erinnerungswürdigen Charakter zu formen, ist ihm bei mir und für mich restlos gelungen.

Fünf Jahre später ist Lola losgerannt, der Rest ist Geschichte.


Joachim Król, Désirée Nosbusch – Ökothriller – Blutholz (2023) – bis 24.11.2024

Ein Öko-Krimi über die Holzmafia. Der Kontrast zwischen dem noch fast jugendlich anmutenden Liebhaber von 1993 und dem desillusionierten Ex-Spezialkräfte-Veteran der hier durch den rumänischen Urwald stampft, könnte eigentlich gar nicht größer sein. Ganz unzweifelhaft ist der Hauptdarsteller gealtert. Ebenso unzweifelhaft ist er aber der selbe geblieben. Ein ziemlich einzigartiger Künstler, der über das Understatement, das reduzierte, das authentische in Erinnerung bleibt. Der Typ hat unendliche Narben auf der Seele und seinem Körper. Doch solange er seinen geschundenen nackten Leib noch durch das Unterholz schleppen kann, ist er nicht totzukriegen.

Und wer zuletzt lacht, lacht ja bekanntlich am besten. Schön, das Regisseur und Autor Thorsten C. Fischer ihm, angesichts des eigentlich unversöhnlichen Themas, dieses versöhnliche Geschenk gemacht hat. Quasi als Entschädigung für die einsame Heldenreise des Hans Schüssler.

Ergänzt habe ich den Filmhinweis noch um einen Link zu einer neuen ARTE Doku, von Marianne Kerfriden und Xavier Deleuin, derzeit in der ARTE Mediathek. Der Film greift zwar etwas kurz, weil er sich einzig auf den Konzern aus Schweden bezieht, ist doch gerade das Holzgeschäft eines, das sich durch weit mehr Branchen und Industrien zieht, als nur das der Fast-Fashion-Furniture Konsumgesellschaft. Sehenswert aber ist er dennoch. Denken sie sich den Rest einfach dazu.


Joachim Król, Paula Beer – Pampa Blues (2015) – Bis 27.04.2024

Zum Abschluss noch ein Król auf sicherem Territorium. Ein Freitagabend ARD-Degeto Film. Das sind die mit Happy-End-Garantie. Weil auch es das TV-Debut der jungen Paula Beer ist und weil Joachim Król hier einmal mehr ganz bei sich war, ist es für mich auch ein HerzensLieblingsfilm.

Eine Traumrolle, für Król, den Komödianten. Und ganz mein Ding. Da ist es dann auch wieder einfach, der Jugend ihre Geschichte(n) zu lassen (und im Hintergrund die Fäden zu ziehen – an denen auch mal eine fliegende Untertasse hängt…).


Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Woche. Doch zuende bin ich mit ihr eigentlich noch nicht. So habe ich für die nächste noch etwas auf der Seite liegen. Da geht es dann schon wieder um Król, aber auch um Sandra Hüller, Wotan Wilke Möhring, einen Taxifahrer und, vermutlich, die Oscars.

Bis dahin, lesen sie bitte „Ich bin anders als ihr“ – ein Interview mit İlker Çatak.

Und bleiben / werden sie gesund!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert