Die Woche (10/2024)

Der aufmerksamen Leserin (Männer mitgemeint) wird es nicht entgangen sein: Diese Woche wurde hauptsächlich durch Wiederholungen bestritten. Tolle Filme allesamt. Sehr unterschiedlich noch dazu. Zweimal Sandra Hüller, zweimal Mads Mikkelsen. Starke Frauen und die Oscars. Von Saudi-Arabien, über Deutschland, UK, bis in den Süden der USA, alles dabei. Und eine Überraschung. Jedenfalls für mich.
Bild: NexxtPress / Stable Diffusion AI

Selten war ich mit Wiederholungen im Fernsehprogramm so einverstanden, wie in dieser Woche. Da nehme ich mal an, dass es nicht etwa individuellen Geistesblitzen der Programmplaner*innen zu verdanken war, was wir zu sehen bekommen haben, sondern vielmehr der Tatsache dass heute Nacht die Oscars verliehen werden. Und irgendwas mit Oscars musste deshalb eben auch in’s Programm. 😉


Sandra Hüller, Peter Simonischek – Toni Erdmann (2016) – bis 30.04.2024

Alle Oscars dieser Welt verdient hätte der Film von Maren Ade. Nominiert war er immerhin 2017 als bester ausländischer Film. Gewonnen hat er nichts. Ausser den Herzen vieler, vieler Menschen. „Da lagen sich die internationalen Kritiker quasi in den Armen vor Glück, und es schien, als hätte die Magie dieses Films so manchen Zyniker wieder daran erinnert, warum es sich überhaupt lohnt, ins Kino zu gehen.“ schrieb David Steinitz in der Süddeutschen Zeitung. Mehr gibt es dazu eigentlich auch nicht zu sagen.

Frau Hüller nimmt dieses Jahr einen neuen, gleich doppelten, Anlauf auf einen Oscar. Verdient hat sie ihn. Hier im Blog jedenfalls hat sie schon gewonnen. Toni Erdmann war mit einigem Abstand der Klicksieger der Woche.


Rosalie Thomass – Jackpot (2021) – bis 02.04.2024

Fernsehfilme sind im Wettbewerb um die Hollywood Trophäe ja außen vor. Dafür gibt es andere Preise. Rosalie Thomass hat immerhin einen davon für ihre herausragende Darstellung einer Abschleppwagenfahrerin bekommen. Nicht unbedingt eine klassische Frauenrolle. Aber es ist eben auch kein klassischer Frauenfilm, sondern ein Film von Frauen. Emily Atef ist eine davon. Eine Regisseurin die sich etwas traut. Zum Beispiel einen deutschen Thriller, den man(n) selten sieht. Dafür geht die Wiederholung völlig in Ordnung. Starke Frauen! Kein Happy-End.


Haifaa Al Mansour – Die perfekte Kandidatin (2019) – bis 03.04.2024

Diesen Film von Haifaa Al Mansour wird kaum ein Mensch gesehen haben. Jedenfalls so weit es das deutsche Fernsehen oder die Mediathek betrifft. Obwohl Saudi-Arabien damit im Jahr 2020 zum ersten Mal überhaupt einen eigenen Film auf die Vorschlagsliste für die Oscars eingereicht hat.

Wäre es nicht Saudi-Arabien, dann könnten wir „Die perfekte Kandidatin“ auch als eigentlich herzensgute, doch harmlose Alltagskomödie lesen. Der klassische Kampf gegen Windmühlen – eine Frau gegen den Apparat (das Patriarchat) – das ist ein klassisches Motiv im Kino. Vor dem Hintergrund der Realität im Heimatland der Regisseurin allerdings, ist jedes Lachen, ja, schon ein Schmunzeln auch ein politisches Statement.


Wotan Wilke Möhring – Steig.Nicht.Aus! (2018) – bis 01.06.2024

So, ja, ein Männerfilm, schätze ich. Jedenfalls der erste, in dieser Woche, der nicht von einer Frau, sondern einem Mann gemacht worden ist. Und der erste, der nicht mal entfernt was mit den Oscars zu tun hat. Deutsches Popcorn-Kino von Christian Alvart. Für mich ein „Film-Highlight“ (ZDF), weil ich den Film zuvor nicht kannte – und mich prächtig unterhalten habe. Das lag allerdings auch an den Frauen. Emily Kusche und Hannah Herzsprung waren hier mehr als ebenbürtige Partnerinnen für Wotan Wilke Möhring. Ein Mann der über das Understatement kommt. Ich mag das!


Mads Mikkelsen – Helden der Wahrscheinlichkeit (2020) – bis 04.04.2024

„Alle Ereignisse sind das Ergebnis einer Reihe von vorangegangenen Gegebenheiten. Und weil wir in den meisten Fällen unzulängliche Daten haben, schreiben wir sie fälschlicher Weise dem Zufall zu.

Was klingt, wie der Einstieg in ein Proseminar zu Statistik, Big-Data und künstlicher Intelligenz, ist hier der Einstieg in einen haarsträubenden Trip über Selbstjustiz, Willkür und männliche Unfähigkeit zur Trauer. Eine Komödie ist das sicher nicht. Eher ein großes europäisches Rachedrama. – Und wenn sie verstehen wollen, wie Verschwörungstheorien – und ihre, unter Umständen, fatalen Konsequenzen – hergeleitet werden… auch das wird hier sehr anschaulich beschrieben. (Wiederholung aus dem Januar.)


Mads Mikkelsen – Der Rausch (2020) – bis 03.04.2024

„Es begann als Film über Alkohol und Freundschaft, und dann hatten wir den Ehrgeiz, ihn zu einem Film über das Leben zu machen. Es geht nicht nur darum, am Leben zu sein, sondern zu leben.“ (Thomas Vinterberg, Regisseur)

Ein Film über durch und durch bürgerliche Männer in der Midlife-Crisis. Ein Film über Alkohol. Und ein Film der Mads Mikkelsen auf den Leib geschrieben wurde. Ausgezeichnet als „Bester internationaler Film“ bei den Oscars 2021. Was bleibt, von diesem Film, ist am Ende auch eine Feier des Lebens. Und ein Realitätscheck. Denn nicht alle der Männer überleben die Geschichte. (Wiederholung aus dem Dezember 2023)


Ben Whishaw – Bis zum Kollaps (Serie – 2023) – bis 01.04.2024

Dieser Beitrag ist eine Übernahme unter CC-Lizenz von der Bundeszentrale politische Bildung, aus ihrem immer lesenswerten Magazin „Fluter“. Das was Mirjam Ratmann hier beschreibt, war für mich ein Höhepunkt des letzten Jahres – und eine der wenigen Serien, die ich am Stück gesehen habe, weil ich unbedingt wissen wollte, wie sie ausgeht. Für Fans von Ben Whishaw sowieso ein großes Fest!


Suffragette – Taten statt Worte (2015) – bis 13.03.2024

Kein Oscar-Kandidat war dieser Fim in 2015. Zuletzt ausgestrahlt im Januar, passend zum Jahrestag der Erringung des Wahlrechts für Frauen. Nun ist der weltweite Frauentag in diese Woche gefallen, da kann mensch den ja eben auch nochmal wiederholen. So viel ist der Programmplanung beim Blick auf den Kalender gerade noch eingefallen. Ich kann nicht verhehlen, dass ich das doch ein wenig enttäuschend finde. Unkreativ, wenn sie so wollen. Sehenswert ist diese Schmonzette für ihre Hauptdarsteller*innen…: Carey Mulligan, Helena Bonham Carter, und, schon wieder, Ben Whishaw


Franz Rogowski, Sandra Hüller – In den Gängen (2018) – bis 15.03.2024

In diesem Falle finde ich die Wiederholung dieses Meisterwerkes von Regisseur Thomas Stuber einmal vollkommen angemessen, ist es doch wirklich ein kleiner, rauer, etwas schmutziger Edelstein, der weit mehr strahlt, als jede güldene Statue. Dieser Film ist so schön und so besonders, er ist viel zu schade für den Industriefleischwolf Hollywood.

Dieser Beitrag von Hannes Wesselkämper ist eine CC-Übernahme von der Bundeszentrale für politische Bildung. Dieses Mal wieder aus dem Kinofenster.de – dem filmpädagogischen Onlineportal.


Moralischer Drohnenkrieg? – Eye in the Sky (2015) – bis 16.03.2024

Auch dieser Film wird häufig wiederholt (zuletzt im Januar 2024). Doch dafür bin ich durchaus dankbar. Denn dieser britische „Kriegsfilm“ erscheint nur formell als konventionelles Drama. Die vagen moralischen Linien und der unmenschliche Zynismus des politischen und militärischen Apparates existieren noch, aber hier sind alle Verantwortlichen Tausende von Kilometern vom Kreuzfeuer – und seinen Opfern – entfernt. Der Drohnenkrieg als Videospiel, geführt aus Konferenzräumen und einem Stahlcontainer irgendwo in Nevadas Wüste, tief im amerikanischen Hinterland. Die Abstraktion des Krieges ist unmöglich. Und schon der Versuch ist ein Kriegsverbrechen. Absolut Sehenswert!

Außerdem der letzte Film des großen Mimen Alan Rickman.


Roadmovie – Green Book (2019) – bis 16.03.2024

„Green Book“ war schon von seiner Prämisse her darauf angelegt die Oscar-Jurys zu beeindrucken. Der Film sieht einfach nur gut aus. Er fühlt sich zudem ja tatsächlich auch gut an. Denn die Reise, die der schwarze Pianist (Mahershala Ali) und sein proletarisch gutherziger italo-amerikanisch weißer Chauffeur (Viggo Mortensen) erleben, liegt 60 Jahre in der Vergangenheit. Die Reise aus New York City in den rassistischen Süden der USA ist überaus reich an schönen Bildern, der Soundtrack überaus mitreißend – dafür gab es gleich drei Oscars! Mir ist der Film etwas zu „perfekt“ geraten. Da kann ich mir nicht helfen. (Letzte Ausstrahlung im TV: Dezember 2023)


Für mich war es eine überaus gelungene Woche. Jedenfalls, soweit es die Mediatheken betraf. Etwas mehr Kreativität dürfen wir uns wünschen. Etwas mehr Mut, sowieso. Die guten, besonderen Filme gibt es ja. Und um diese zu erkennen, müssen wir sicher nicht Sonntagnacht vor dem Fernseher verbringen.

Ich wünsche ihnen ein möglichst erholsames Restwochenende – und danke für ihre wiederholte Aufmerksamkeit und das wiederholte „Boosten“ dieses kleinen Blogs! 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert