Alexa, Siri und das Navi meiner Eltern

Sprachassistenten klingen fast immer weiblich. Warum eigentlich? Und wie wirkt sich das auf unsere Rollenverständnisse aus? Unsere Autorin hat genauer hingehört.

„Nach 100 Metern halten Sie sich rechts“, sagt eine weibliche Stimme, kurz bevor ich den Blinker setze und genau das tue. Ich sitze im Auto meiner Eltern und lasse mich vom Navi durch den Verkehr lotsen. So wie sie damals, auf dem Weg in den Süden.

Ich kann mich an Urlaubsfahrten erinnern, bei denen das Navi den Weg vorgab. Ich neben meinen Schwestern auf der Rückbank, Papa am Steuer, hat es uns durch die viel zu engen Straßen norditalienischer Kleinstädte geführt – und immer wieder auch in Sackgassen. Papa ist der weiblichen Stimme trotzdem gefolgt, hat sich sogar von ihr beim Sprechen unterbrechen lassen. Wenn ich heute daran zurückdenke, ist auf den langen Autofahrten aber noch etwas anderes passiert: Die Frau im Navi hat sich das Auto als einen Raum erkämpft, der lange Zeit nur Männern gehörte. Selbst wenn ich das damals noch nicht aussprechen konnte: Das hat auch was mit mir gemacht.

Frauenstimmen in Politik, TV oder Fußball? Für viele ein Grund zum Abschalten oder Aufregen

Der Einfluss von künstlicher Intelligenz wächst und mit ihr die Anzahl von Sprachassistent:innen. Jede:r zweite Internetnutzer:in in Deutschland soll so eine:n schon mal genutzt haben, und einer Prognose zufolge soll sich die Anzahl von 3,2 Milliarden weltweit im Jahr 2019 bis 2024 auf 8,4 Milliarden mehr als verdoppeln.

Das bedeutet eben auch, dass es mit dem steigenden Einsatz von Sprachassistent:innen bald auch immer mehr weibliche Stimmen geben könnte. Denn nicht nur das Navi meiner Eltern klingt weiblich, auch meine Lauf-App und meine Bluetooth-Box. Genau wie Siri, Alexa und die mittlerweile eingestellte Cortana, die Sprachassistentinnen von Apple, Amazon und Microsoft, die sogar weibliche Namen tragen. Bei den meisten KIs ist die Frauenstimme voreingestellt, nur einige Hersteller:innen bieten inzwischen optional auch eine männliche oder genderneutrale Stimme an. Dafür muss man sich aber erst mal durch die Einstellungen klicken.

Die künstlich generierten weiblichen Stimmen schaffen also scheinbar ein Gegengewicht zu einer bisher ansonsten noch ziemlich männlich klingenden Realität. Im öffentlichen Leben ist der Redeanteil von Männern nachgewiesenermaßen höher als der von Frauen, zum Beispiel in der Politik, den Medien oder im Fußball. Meldet sich eine weibliche Stimme zu Wort, ist der (vor allem männliche) Aufschrei oft groß. So wie bei Bibiana Steinhaus-Webb, die 2017 als erste Frau in der Bundesliga pfiff und von Fußballfans ausgebuht und sexistisch beschimpft wurde. Frauenstimmen? Für viele zu hoch, zu nervig, zu viel.

„Wer spricht, hat Macht. Macht zu kritisieren, Macht zu fordern, Macht zu verändern“

Auch bei der Arbeit und in Meetings melden sich Männer häufiger zu Wort. Sie unterbrechen Frauen öfter als andere Männer. Laut Studien halten sich Frauen eher zurück, sprechen leiser und zögernder – aus Angst, zu dominant oder aggressiv zu wirken.

Aber das könnte sich jetzt ändern: Egal ob menschlich oder künstlich, nichtmännliche Stimmen werden lauter. Auf eine Weise stellen sie damit den männlichen Sprechraum infrage – und mit ihm gesellschaftliche Vormachtstellungen: Denn wer spricht, hat Macht. Macht zu kritisieren, Macht zu fordern, Macht zu verändern.

Alexa, Siri und Co. klingen weiblich – und immer freundlich, genüg- und gehorsam

„Biegen Sie jetzt in den Kreisverkehr …“, fordert mich die Frauenstimme im Auto auf. Wieder muss ich an die nicht enden wollenden Autofahrten nach Italien denken und habe jetzt noch eine Stimme im Ohr: die meiner Mutter. Denn bevor wir ein Navi hatten, navigierte sie. Die ADAC-Karte auf dem Schoß, der Blick durch die Windschutzscheibe, versuchte sie, die italienischen Straßenschilder zu entziffern. Das Navi hat ihren Platz eingenommen, die Rolle blieb die gleiche.

Die Stimmen von Alexa, Siri und Co. nämlich sind freundlich („Entschuldigung, ich habe dich leider nicht verstanden!“), fürsorglich („Wie kann ich dir helfen?“) und gehorsam („Verbunden mit Lenas iPhone!“). Damit erfüllen sie ein überholtes Klischee über Frauen. Genauso überholt wie die Tatsache, dass sie sich herumkommandieren lassen („Alexa, mach das Licht aus!“). Tragen im Fall von Sprachassistent:innen künstliche Intelligenzen also dazu bei, dass unsere Gesellschaft Stereotype aufrechterhält oder sogar wiederaufleben lässt?

Darauf zumindest deutet eine Studie der UN aus dem Jahr 2019 hin: Danach werden weibliche Sprachassistent:innen meist als „zuvorkommend und willig“ dargestellt. Das bestärke die Annahme, Frauen seien unterwürfig. Siri und Co. würden auf Beleidigungen meist „ablenkend, lustlos oder entschuldigend“ reagieren, wodurch die Vorstellung aufrechterhalten werde, dass Frauen es tolerieren, schlecht behandelt zu werden. Passiv oder aktiv, zurückhaltend oder selbstbewusst, weiblich oder männlich – in der Welt der KI scheint es keinen Platz außerhalb der binären Geschlechterrollen zu geben.

„Tragen künstliche Intelligenzen dazu bei, dass unsere Gesellschaft Stereotype aufrechterhält oder sogar wiederaufleben lässt?“

Bevor weiblich klingende KI Menschen assistierte, assistierten Frauen lange Zeit Männern. Sie hatten zu putzen und zu bügeln, zu trösten und zu pflegen. Sie sorgten mit ihrer Arbeit dafür, dass seine Arbeitskraft wiederhergestellt wurde, damit er das Geld nach Hause bringen konnte – ohne dass sie selbst dafür bezahlt wurden. Zum Teil ist das noch heute so.

Dazu kommt die schlecht bezahlte Sorgearbeit, die Frauen zum Beispiel als Pflegerinnen oder Erzieherinnen zu einem Großteil übernehmen. Seit Jahrhunderten kämpfen vor allem Frauen gegen diese ungleichen Geschlechterrollen – jetzt droht eine Erfindung von Männern (neun von zehn Menschen, die im KI-Sektor arbeiten, sind männlich) die Errungenschaften ein ganzes Stück zurückzudrängen.

Dahinter steckt eine zutiefst menschliche Dynamik: Gewohnheit. Frauenstimmen werden in weiten Teilen der Welt mit Fürsorge in Verbindung gebracht und wirken auf ihre Nutzer:innen hilfsbereiter und zuverlässiger als die von Männern. Zumindest wenn es um Hilfstätigkeiten geht. Technologieunternehmen bedienen diese Erwartungen, statt mit ihnen zu brechen.

Im Auto wähle ich mich durch das Tastenwirrwarr auf dem Armaturenbrett. Ich will im Bordcomputer die Stimme ändern, die Rollen umkehren und mir von einer Männerstimme assistieren lassen. Frustriert drücke, klicke und drehe ich mich durch verschiedene Funktionen. Einmal lande ich im Radio, die Hits meiner Jugend überschlagen sich. Als irgendwann auch noch der Scheibenwischer losgeht, gebe ich auf. Noch einmal tippe ich auf eine Taste. Dann wird es ruhig.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Autorin: Lena von Holt, für Fluter.de

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