Kinofenster – The Zone of Interest (2023)

Jonathan Glazers filmästhetisch experimenteller Spielfilm über den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Eine Filmbesprechung von Jörn Hetebrügge, Kinofenster.de / Creative Commons.

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Ein Sommertag am See. Jungen toben im Wasser. An Land erforschen Mädchen, begleitet von einer Frau, die Pflanzenwelt. Ein Mann in Badehosen steht am Ufer und blickt zufrieden in die Ferne. Der Ausflug könnte in der Gegenwart spielen, wären da nicht Details wie der „Oldtimer“, mit dem die Familie in die Dämmerung heimfährt. Am Morgen trägt der Mann SS-Uniform und eine Augenbinde. Ein Sohn führt ihn vom Wohnhaus in den Garten, wo Frau und Kinder ein Paddelboot als Geburtstagsüberraschung aufgebaut haben. Während sich der Vater bei seinen Lieben bedankt, offenbart sich das Umfeld der Szene: Über die Gartenmauer ragen die aus zahllosen Dokumentationen bekannten Kasernen und ein Wachturm des Stammlagers Auschwitz. Der Mann verabschiedet sich, besteigt ein Pferd und reitet hinein. Rudolf Höß, Kommandant des Konzentrations- und Vernichtungslagers, beginnt einen Arbeitstag. „Auf Wiedersehen, Vati!“

Ein Familienidyll in Auschwitz

Gleich die ersten Bilder von The Zone of Interest brechen irritierend mit den Erwartungen an einen Holocaust-Film: Die sommerliche Szenerie, der Verzicht auf untermalende Musik und jegliche Kontextualisierung, sei es durch Schrift oder Voice Over, und der seltsam neutral beobachtende Kamerablick auf die Privatsphäre eines NS-Verbrechers – der britische Regisseur Jonathan Glazer (Under the Skin – Tödliche Verführung, UK 2013) nähert sich dem Grauen ganz über die Täterseite, durch eine klinisch-eisige Observation des scheinbar banalen häuslichen Alltags von Rudolf und Hedwig Höß, gespielt von den deutschen Schauspieler/-innen Christian Friedel und Sandra Hüller. Das Lager selbst betritt die Kamera nicht – der wohl markanteste Unterschied zu früheren KZ-Filmen wie Schindlers Liste (Schindler’s List, Steven Spielberg, USA 1993).

Das Leben von Rudolf Höß, nach Kriegsende in Polen verurteilt und hingerichtet, war schon einmal Kinostoff: Theodor Kotullas Aus dem Leben eines Deutschen (BRD 1977) zeichnete das Psychogramm eines auf Gehorsam, Ordnung und Patriotismus gedrillten Mannes, der zum Vollstrecker des nationalsozialistischen Massenmords „aufsteigt“ – eine lehrstückhaft inszenierte Stationenbiografie. The Zone of Interest dagegen, der nur vage auf dem gleichnamigen Roman von Martin Amis (2014, auf Deutsch: Interessengebiet, 2015) basiert, setzt in Auschwitz im Sommer 1943 ein. Während der Massenmord in den Gaskammern bereits mit gnadenloser Effizienz vorangetrieben wird, residieren Höß und seine Familie unmittelbar am Lager in einer Villa mit penibel gepflegtem Zier- und Nutzgarten, mitsamt polnischer Dienerschaft und KZ-Häftlingen als Arbeitssklaven. Eine Existenz, die sie sich immer erträumt haben, so Hedwig. Als Rudolf nach Berlin berufen wird, weigert sie sich, das Nazi-Paradies mit ihm zu verlassen: „Das ist unser Zuhause.“

Big Brother im Nazi-Haus

Die Akribie von Jonathan Glazer, der fast neun Jahre an The Zone of Interest arbeitete, wird schon im Hauptschauplatz sichtbar: Für die Höß-Villa ließ er in der Nähe des Originals ein Haus- und Gartengrundstück detailliert nach dem historischen Vorbild umbauen – ganz bewusst als blitzblanken Neubau ohne Patina, historisch korrekt und zugleich höchst gegenwärtig. Beunruhigend real wirken auch die stechend scharfen, stets distanzierten Bilder der zehn Digitalkameras, die Glazer in Haus und Garten verstecken ließ – „Big Brother in a Nazi house“, nennt der Regisseur sein Konzept. Tatsächlich entsteht der Eindruck, jeden Moment im Hause Höß unbemerkt live beobachten zu können. Oft erst belanglos erscheinend, ergänzen sich die dramaturgisch präzise abgestimmten Ausschnitte zu einem verstörend ambivalenten Bild einer überzeugten NS-Familie, die, einander liebevoll zugewandt, den Opfern vollkommen empathielos begegnet. Die Grausamkeit offenbart sich – ein wenig Vorwissen vorausgesetzt – beiläufig, in Gesprächsschnipseln wie im visuellen Detail: Im Lippenstift einer vermutlich schon vergasten Jüdin, den Hedwig ausprobiert. Im Zahngold, das ein Sohn im Licht einer Taschenlampe unter der Bettdecke untersucht. Hannah Arendts Begriff von der Banalität des Bösen drängt sich nicht nur für den Täter-Vater auf, der seiner Tochter liebevoll Einschlafgeschichten vorliest und sich heimlich einen weiblichen KZ-Häftling als Sexsklavin hält. Auch seine Frau weiß und profitiert vom Massenmord hinter der Gartenmauer. Die Kinder ahnen wohl zumindest davon. Sie alle sind Teil der Ausbeutungs- und Vernichtungsmaschinerie. Dass der Täterkreis aber auch Zivilisten außerhalb der Familie umfasst, offenbart eine verstörende Sequenz, in der Vertreter der Firma Topf & Söhne ihre neuste Entwicklung in nüchternem Ingenieursdeutsch im Hause Höß vorstellen: Ein Krematorium, das die massenhafte Verbrennung der Leichen („Stück“) im Dauerbetrieb ermöglicht. Ins Mordgeschehen im Interessengebiet Auschwitz, so bezeichnete die SS verschleiernd die 40 Quadratkilometer große Schutzzone um das Vernichtungslager, waren auch ganz „normale“ Deutsche verstrickt.

Vermittlung des Grauens auf der Tonspur

Nicht allein die kühl-distanzierte Bildästhetik verwehrt indes ein Eintauchen oder eine Identifikation. Im Film durchbrechen grelle Rot- und Weißblenden den Realitätseindruck, vor allem aber alptraumhaft wirkende Wärmebildsequenzen, in denen ein Mädchen nachts Obst für die KZ-Häftlinge versteckt. Die rätselhaften Aufnahmen können sinnbildhaft dafür stehen, dass Humanität und Widerstand möglich war, zugleich machen sie deutlich, dass die Inszenierung aktivieren soll: Die Zuschauenden selbst sind gefordert genau zu beobachten, einzuordnen und zu beurteilen. Wie subtil Glazers Konzept funktioniert, zeigt sich auch daran, dass das Leid der Opfer, obwohl die Spielhandlung außerhalb des Lagers verharrt, im Film eindringlich präsent ist: Visuell etwa, wenn der Schlot des Krematoriums im Bildhintergrund lodert. Eindringlicher noch vermittelt sich der Horror aber über die Tonebene: Auf ihr vermischen sich die Geräusche des Lagers – Gebrüll, Gebell, Schüsse, Schreie, Wimmern und maschinelles Dröhnen – zu einem anschwellenden Lärm, der sich schließlich wie eine Anklage über das Familienidyll legt. Nicht zuletzt seine stilistische Konsequenz macht The Zone of Interest zu einer außergewöhnlichen und herausfordernden Filmerfahrung.

Dieser Beitrag erschien im Original am 27.02.2024 und ist lizenziert unter Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Germany. Autor/in: Jörn Hetebrügge, freier Filmjournalist und Redakteur bei kinofenster.de.



„The Zone of Interest“ (2023) (Wikipedia)
Spielfilm, USA, Großbritanien, Polen,
FSK: ab 12
Regie & Drehbuch: Jonathan Glazer
Produktion: Ewa Puszczyńska, James Wilson
Musik: Mica Levi
Kamera: Łukasz Żal
Schnitt: Paul Watts
Mit: Christian Friedel, Sandra Hüller, Johann Karthaus, Luis Noah Witte, Nele Ahrensmeier, Lilli Falk, Anastazja Drobniak, Cecylia Pekala, Kalman Wilson, Medusa KnopfMax Beck, Andrey Isaev, Julia Polaczek, Imogen Kogge, Zuzanna Kobiela, Martyna Poznańska, Stephanie Petrowitz, Marie Rosa Tietjen, Daniel Holzberg, Rainer Haustein, Ralph Herforth, Freya Kreutzkam, Wolfgang Lampl, Sascha Maaz

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