Die dunklen Tage sind vorbei – Wir waren Kumpel (2024)

Der Dokumentarfilm „Wir waren Kumpel“ erzählt einfühlsam von fünf Bergleuten und ihrem Leben, nachdem die letzten Steinkohlezechen in Deutschland stillgelegt wurden. Ein Beitrag von Christopher Ferner, für Fluter.de (Creative Commons).

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Worum geht’s?

2018 schloss in der Ruhrgebietsstadt Bottrop das letzte Steinkohlebergwerk Deutschlands. „Ein großes Kapitel deutscher Industriegeschichte geht zu Ende“, sagte der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Weil der deutsche Bergbau nicht mehr wettbewerbsfähig war und viel Geld vom Staat bekam, wurde 2007 das Ende der Steinkohleförderung beschlossen. Was passierte danach? Wie finden sich die Kumpel in ihrem neuen Leben zurecht? Davon erzählt der Dokumentarfilm von Christian Johannes Koch und Jonas Matauschek, der von 2017 bis 2021 gedreht wurde.

Worum geht’s eigentlich?

Um die Frage, was Arbeit für Menschen bedeuten kann – und die Erkenntnis, dass sie sich manchmal so tief in die eigene Identität eingräbt, dass man ohne sie nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist. „Wir waren Kumpel“ stellt insgesamt fünf Protagonist:innen vor, die in der Steinkohleförderung gearbeitet haben. Da sind die Bergleute Wolfgang, genannt Locke, und Marco, genannt Langer. „Die meisten sind nur Kollegen“, sagt Langer einmal. „Locke und ich sind ein Herz und eine Seele.“ Langer arbeitet nach der Schließung der Zeche als Busfahrer und ist stolz auf seinen neuen Job, der ihm sinnvoller vorkommt als seine Tätigkeit als Bergmann. Locke nutzt seine freie Zeit, um sich mit sich selbst und der sich stetig verändernden Welt um ihn herum zu beschäftigen.

Dann ist da die trans Frau Martina, die laut den Filmemachern als einzige Frau in Deutschland im Steinkohlebergbau gearbeitet hat und mittlerweile im Salzbergbau tätig ist. Dabei wäre sie ursprünglich viel lieber Make-up-Artistin oder Friseurin geworden. „Wäre ich damals bei meinen Eltern damit um die Ecke gekommen, die hätten gesagt: ‚Hast du einen am Sträußchen?‘ Es musste ein Männerberuf sein.“ Und so habe sie jahrelang die Rolle des harten Kumpels gespielt. „Aber mittlerweile ist der Bergbau ein Teil von mir. Deswegen habe ich in den Salzbergbau gewechselt.“

Der Werklokführer Kirishantan wiederum, genannt Kiri, floh als Jugendlicher vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Deutschland. Für ihn war die Zeche so etwas wie ein zweites Zuhause. Er erleidet nach seinem Jobverlust einen Herzinfarkt, weswegen er nicht mehr schwer körperlich arbeiten soll. Stattdessen bringt er Kindern seine Muttersprache Tamilisch bei. Und schließlich ist da Thomas, der sich bisher um die Bergmannskleidung der Besuchergruppen gekümmert hat und nun noch mehr Zeit mit seiner Mutter verbringt, mit der er zusammenlebt.

Wie wird’s erzählt?

Der Film kommt ohne Erzähler:in aus und lässt nur seine Protagonist:innen sprechen. Das ermöglicht einen tiefen Einblick in das Leben der ehemaligen Bergleute. Es ist erstaunlich, wie nahe sie die Filmemacher an sich heranlassen. So begleitet die Kamera Locke und Langer unter die Dusche, wo sie sich nicht nur die Kohle aus dem Gesicht waschen, sondern sich auch gegenseitig den Rücken schrubben. Auch der familiäre Alltag nach der Zechenschließung in den eigenen vier Wänden wird gezeigt. In einer Szene ist Locke mit seiner Tochter zu sehen. Als diese früher nach Hause kommt als erwartet, vermutet ihr Vater, dass sie schwänzt. Es kommt zum Konflikt, an dessen Ende die Tochter ihn anschreit: „Such dir einen Job!“ Locke fällt es sichtlich schwer, sich daran zu gewöhnen, im Ruhestand so viel Zeit zu Hause zu verbringen. Kiri geht der Verlust des Arbeitsortes besonders nahe. An seinem letzten Arbeitstag kommen ihm die Tränen. Es sind diese intimen Momente, die den Film auszeichnen.

Das beste Zitat:

Kiri, der nach der Schließung der Zeche sagt: „Ich habe mich jahrelang nicht gefragt, wo ich hingehöre. Es war immer alles klar. Jetzt auf einmal kommen diese ganzen alten Gedanken in meinen Kopf. Alte Träume, wo ich mein Haus, Freunde, Heimat verlassen musste. Alles, was tief in meinem Herzen drinsteckt, kommt wieder hoch.“

Lohnt sich das?

Unbedingt! „Wir waren Kumpel“ zeigt, wie Menschen vom Umbau der Wirtschaft betroffen sind. Der Film schafft es, Empathie für jene zu erzeugen, die die Auswirkungen dieser Umbrüche jetzt unmittelbar zu spüren bekommen.

„Wir waren Kumpel“ läuft ab dem 29. Februar im Kino.

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Dieser Text von Christopher Ferner wurde am 28.02.2024 veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Quelle: Fluter.de – das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.

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