Metas strategische „Öffnung“ ihres Datenbunkers

Das Fediverse ist in Aufruhr. Der Meta Konzern spricht nicht mehr nur über die „Öffnung“ seiner Produkte zu konkurrierenden Plattformen, er hat sie inzwischen sogar schon implementiert und sein „Threads“ Produkt über das ActivityPub-Protokoll für den Austausch von Nachrichten („Notes“) geöffnet.
Mastodon ist zwar die größte, doch längst nicht die einzige Plattform im Fediverse.
Bild: Mastodon gGmbH (CC BY-SA 4.0)

Auch wenn diese „Öffnung“ zur Zeit dieses Beitrags erst einseitig ist – sie funktioniert nur für ausgewählte Fediverse Instanzen unter „Mastodon“ aber offensichtlich nur aus der Meta-Plattform heraus, also noch nicht, zum Beispiel, für „Notes“ von Mastodon in Richtung Threads, ist der Aufruhr darüber in meiner kleinen Timeline auf Mastodon groß. Und das verstehe ich gut!

Es ging nie um Freund:innen, Familie und Fans

Wir erinnern uns: Facebook war zu seinen Anfangstagen ein, vergleichsweise, offenes Produkt. Seine Schnittstellen (API) ließen es zu, Nachrichten auch von außerhalb des Netzwerkes zu posten, bzw. Facebook-Nachrichten auch außerhalb der Plattform zu lesen – ohne dafür ein eigenes Konto auf Facebook zu führen.

Mit dem Ausbau der Plattform, dem rapiden Anwachsen des Netzwerkes und der zunehmenden Personalisierung (und der damit einhergehenden Auswertung persönlicher Daten) der dort ausgespielten Werbung, nahm die Offenheit von Facebook ebenso rapide ab. Bis dass es letztlich zu einem Walled-Garden wurde. Einem Datenbunker, in welchem die Facebook Algorithmen die volle Kontrolle dessen übernahmen, was seine Mitglieder dort zu sehen (oder eben nicht zu sehen) bekommen.

Facebook – der größte (verurteilte) Verbrecher unter allen Social-Media-Plattformen

Die auf persönliche Präferenzen zugeschnittene „Werbung“ erlaubte es nicht nur kommerziell werbenden Unternehmen, sondern auch politischen Interessensgruppen, Parteien, Lobbyist:innen und jeder Art legaler oder illegaler Akteure, ihre, nicht mal als „Anzeigen“ getarnten Nachrichten, gezielt auf sehr präzise zugeschnittene Gruppen von Nutzer:innen auszuspielen. Dass damit nicht nur Wahlen beeinflusst wurden – fragen sie nach bei Donald Trump oder Recep Tayyip Erdoğan – sondern auch Völkermorde ausgelöst wurden, hat das Geschäftsmodell eher angefeuert, denn in Frage gestellt. Facebook, das angeblich immer freundliche Netzwerk um mit Freund:innen, Familien und Fans zu kommunizieren, wurde zu einer politischen Massenvernichtungswaffe.

Daten sind Macht im Metaverse

Der – zu seiner Zeit –  größte Datenschutz Skandal bei Facebook (Cambridge Analytica), unter anderem aufbereitet von Institutionen wie dem US-Senat und dem EU-Parlament, resultierte nicht nur im teuersten Rechtsstreit in der Geschichte des Konzerns (Facebook to pay $5bn fine as regulator settles complaint), er war ebenso Auslöser zur Umbenennung des Konzerns in „META“. – Ein Versuch die Aufmerksamkeit vom größten und wichtigsten Produkt des Konzernes abzulenken und statt dessen auf die Vision seines CEO Zuckerberg zu richten, dessen „Metaverse“ sich allerdings bis heute noch nicht wirklich materialisieren konnte.

Politik ist langsam aber lernfähig

Keine Frage, die Politik, ganz gleich ob in den USA oder Europa, hat es zu lange versäumt, die Plattformkonzerne zu regulieren. Ganz gleich ob es um die Marktmacht – und den Missbrauch derselben – von Apple, Amazon, Meta oder Microsoft (Aufzählung willkürlich und unvollständig) ging, immer lief sie den Konzernen hinterher. Immer konnte sie nur reagieren, statt zu agieren. Doch ihre Macht ist und bleibt erheblich… und wenn diese Macht sich materialisiert, dann bleibt kein Geschäftsmodell jener Unternehmen so, wie es ihre Shareholder:innen am liebsten mögen.

Die Wirkungsmacht der Europäischen Union

Auch wenn ich, als kleiner Blogbetreiber, zum Beispiel mit der DSGVO (GDPR) seinerzeit viel Arbeit hatte – und wir täglich durch Cookie-Banner daran erinnert werden – war sie doch ein elementarer Schritt Europas zur Etablierung von Datenschutz als Element des Schutzes der Persönlichkeit seiner Bürger:innen. Tatsächlich wurde damit „Datenschutz“ als elementares europäisches Geschäftsmodell etabliert, mit dem es tatsächlich eine globale Führungsrolle eingenommen hat. – Und dem sich alle Unternehmen beugen müssen, ganz gleich ob es dabei um amerikanische, asiatische oder sonstwelche handelt. Politik wirkt also!

Das Digitale-Märkte-Gesetz

Zu dem Gesetz der EU, beschlossen schon vor einem Jahr, nach jahrelangen und scharf geführten Diskussionen, habe ich jenseits von Fachpublikationen nicht viel gelesen. Doch die immer hervorragend auf der Höhe der Zeit publizierenden Kolleg:innen von Netzpolitik.org haben sich auch zu diesem Thema verdient gemacht und es natürlich ausführlich begleitet.

Im Kern, so meine von keiner besonderen Fachkenntnis getrübte Einschätzung, geht es dabei um die Einhegung der Macht internationaler Datenkonzerne und die Etablierung von Regeln zur Öffnung ihrer proprietären Produkte – im Interesse ihrer Mitbewerber:innen und – zuvorderst – ihrer Benutzer:innen.

Meta, ein Threat für das Fediverse?
Bis auf die META Homepage hat es die neue „App“ Threads noch nicht geschafft.
Bild: Screenshot Meta.com am 19.12.2023 um 14:41 Uhr

Wenn wir nun die viel zu lange Einleitung zur Seite legen und nur darauf schauen, was derzeit bei Meta unternommen wird um den Instagram-Klon, das als Twitter/X-Alternative eingeführte „Threads“, über das offene Kommunikationsprotokoll „ActivityPub“ für das Fediverse zu öffen, dann ist mit absoluter Sicherheit davon auszugehen, dass diese Initiative der Silicon-Valley Datenkrake nicht plötzlicher Begeisterung für offene Netze entspringt. Und tatsächlich wird sie von vielen der Nutzer:innen unseres Netzwerks unabhängiger und föderierter Instanzen als ultimative Bedrohung empfunden.

Ich habe diese Empfindung zunächst vollumfänglich geteilt. Ich habe, auch persönlich, absolut keine Interessen, für die Meta zu einem Nutzen meiner persönlichen Kommunikation im Fediverse beizutragen hätte. Im Gegenteil. Ich würde diesen Konzern immer für einen Ausbeuter eben dieser meiner Interessen halten. Das Fediverse, in all seinen Ausprägungen, ist der faktische und materielle Gegenentwurf zu allem was Meta war, ist und sein will.

Doch wenn ich – nüchtern, was ich in der Sache vielleicht zu selten bin – auf die tatsächlichen Sachverhalte schaue, dann sehe ich keinen Kampf des David „Fediverse“ mit dem Goliath Meta aufziehen. Ich sehe vielmehr, wie der Gigant sich hinter dem David versteckt, um sich vor der Macht der Politik zu schützen.

Das Fediverse ist nicht in Gefahr. Es ist irrelevant.

Meta soll – über alle Produkte – über 3.14 Milliarden tägliche Nutzer:innen verfügen. Ob das gesamte Fediverse nun 10 oder 20 Millionen Nutzer:innen umfasst, ist dagegen tatsächlich zu vernachlässigen. Und, ja, natürlich wäre ein Akteur wie Threads, als neuestes Produkt aus Silicon-Valley, mit angeblich bereits über 100 Millionen Nutzer:innen für das diverse und auf viele kleine und nur wenige etwas größere Instanzen verteilte Netzwerk geradezu mega-dominant. Doch ist hier die Perspektive wichtig: Für Meta ist das Fediverse irrelevant.

Zuck v/s Musk

Das Produktdesign von Threads mag dem von Mastodon ähnlich sein. Doch vergessen wir dabei nicht, dass auch das Mastodon-Design sich auf ein Vorbild stützt, für das Eugen Rochko 2016 eine Alternative entwickeln wollte… und das war… genau:

Twitter!

Eugen konnte nicht ahnen, dass es Elon Musk sein würde, der Twitter zu seinem persönlichen Spielzeug machen und es sowohl ökonomisch als auch inhaltlich ruinieren würde. Doch die Möglichkeit dazu, war ja in der Plattform selbst schon angelegt. Sie ist tatsächlich allen kapitalistisch geführten Sozialen Netzwerken immanent. Diese technische und ebenso hochpolitische Analyse hat Rochko dazu motiviert Mastodon eben nicht als weiteres proprietäres „Netzwerk“ anzulegen, sondern auf das Fediverse und ActivityPub zu setzen.

Für Zuckerbergs Shareholder:innen (und dabei ist er sich selbst der größte) spielt diese Analyse aber keine Rolle. Ihr Interesse ist es, die Lücke zu übernehmen, die Twitter/X hinterlässt – und möglichst viele der 550 Millionen User:innen davon (bereits existierende Überschneidungen der User:innenbasis sind dabei nicht berechnet). Das Fediverse ist dagegen tatsächlich ökonomisch völlig zu vernachlässigen. Auch wenn es unserem Ego weh tut.

Don’t Panic!

Ich neige dazu die Gefahr einer „Embrace, extend, and extinguish“ („EEE“, ursprünglich geprägt von Microsoft, 1995) Strategie Metas in Richtung Fediverse, jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt, überhaupt nicht zu sehen. Das wäre eine Vergeudung von Ressourcen für Meta. „They’ve got bigger fish to fry…“ Tatsächlich wäre es eine Pflichtverletzung des CEO und seiner subalternen Mitarbeiter:innen gegenüber ihren Eigentümer:innen, sollte eine solche Strategie der vermeintlichen Öffnung ihrer Plattform durch die Implementierung von ActivityPub zugrunde liegen.

Sicherlich müssen wir – im Fediverse – aufmerksam beobachten, welchen Effekt die Existenz von Threads auf unser Netzwerk haben wird. Es ist höchst relevant für uns, die Nutzer:innen und – vor allem – die Betreiber:innen unserer Instanzen. Privatsphäre, Datenschutz, und insbesondere der Schutz marginalisierter Menschen in unserem Netz sind elementare Gründe für seine Existenz. Nichtsdestotrotz müssen wir hinsehen und kritisch beobachten. Für Panik gibt es aber keinen Anlass.

Opt-In Interoperabilität

Wenn ich etwa bei Heise lese, dass die Aktivierung von ActivityPub für ein Konto auf Threads tatsächlich nur durch einen „Opt-In“ Schalter, tief in den Einstellungen verborgen, möglich sein soll, dann kann ich das aus Datenschutzinteresse der Nutzer:innen sogar nachvollziehen und begrüßen. Ich frage mich aber auch, wie viele der angeblich 100 Millionen diesen Schalter je finden und benutzen werden.

Mit dem, für seine Nutzer:innen – theoretisch – nutzbaren ActivityPub Protokoll erfüllt Meta aber eben – und das, für mich, sehr smart – die elementare politische Forderung nach Interoperabilität seiner Plattform. Und das werden sie nicht nur argumentativ als Schutz vor den „Übergriffen“ der Politik benutzen, sondern auch ganz praktisch als Abgrenzung und Wettbewerbsvorteil gegenüber ihrer Konkurrenz.

Meta Aktien kaufen werde ich deshalb aber sicher nicht. Es bleibt ein verkommenes und gefährliches Unternehmen.

Das Armageddon für das Fediverse sehe ich allerdings (noch) nicht heraufziehen.

Was nicht heißt, dass eine solche Schlacht nicht irgendwann zu schlagen sein wird!

5 Antworten zu „Metas strategische „Öffnung“ ihres Datenbunkers“

  1. Avatar

    @ruhrwellenreiter Meine Gedanken: Wenn Meta sich mit #activitypub Kompatibilität öffnet, dann eröffnet das eine (evtl. noch nicht im Status Quo) viel größere Datenmenge die zur Analyse von Nutzerverhalten zur Verfügung steht. Und das auch noch in bereits maschinen-interpretierbaren Format.

    Das Fediverse hat Vor und Nachteile. Wir verbreiten Social-Linked-Open-Data. Bedeutet auch: wir öffnen das Universum um unsere social-network-posts System und Instanz übergreifend zu analysieren.

  2. Avatar

    @ruhrwellenreiter Ich teile einige der genannten Ansichten. Aber ich habe eine technische Anmerkung: Die derzeitige Situation ist die, dass man aus dem Fediverse heraus einigen Accounts folgen kann. Es ist aber nicht auf “ ausgewählte Fediverse Instanzen unter „Mastodon““ begrenzt. Dass es nicht mit allen Systemen auf Anhieb klappt, liegt vielmehr daran, dass Threads nur signierte Zugriffe erlaubt und auch die Gültigkeit prüft. Threads prüft dann auch den Account prüft, der die Signierung durchgeführt hat. Dabei gibt es Inkompatibilitäten mit mindestens Pleroma und Friendica (für Friendica sind sie jetzt beseitigt).

    1. Ruhrwellenreiter

      Vielen Dank, @heluecht! Das ist technisch tatsächlich relevant. Meine eigene „von keiner besonderen Fachkenntnis getrübte Einschätzung“ ist da keine Entschuldigung… aber eine Erklärung. Um so wertvoller macht das deine Ergänzung!

  3. Avatar

    @ruhrwellenreiter@nexxtpress.de da hast du viel in Worten zusammen gefasst, was ich auch so vermute.
    👍

    1. Avatar

      @ruhrwellenreiter@nexxtpress.de So ein Thema ist auch wirklich schwer, in nur ein paar Worten zu behandeln. genau die richtige Länge, um so viel wie möglich anzusprechen und Infos zum nachdenken zu liefern.Genau das OptIn halte ich für den besten Gag bei Meta. Das wird dafür sorgen, das so wenig wie mögliche user aus Threads abwandern, weil man ja Angst haben muss, das man seine Follower danach nicht mehr erreicht. Eine der Optionen, den Dienst „wichtiger“ als alle anderen zu machen und daher für „Wachstum“ zu sorgen.

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