Bruno Ganz – Winterreise (2019)

Was kann ich über Bruno Ganz schreiben, das andere nicht längst geschrieben haben? Ich habe ihn geliebt und bewundert, schon allein für seine Arbeiten mit Wim Wenders. Wahrscheinlich der größte deutschsprachige Schauspieler meines Lebens. Ein Genie seines Fachs. Und selbst in seinem Vermächtnis. Dieses ist sein letzter Film. Und einer, wie es keinen anderen gibt.

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Bruno Ganz war für mich ein „amerikanischer Freund“, er war mein „Engel über Berlin“ und er war Adolf Hitler, direkt aus der Hölle. Allein in seinen letzten beiden Filmen spielte er einen Nazi-Richter, der einen österreichischen Kriegsdienstverweigerer wegen „Wehrkraftzersetzung“ hinrichten lässt, als auch einen jüdischen Musiker, der nach seiner Flucht in die USA, zum Ende seines Lebens, durch seinen Sohn mit seiner Vergangenheit und der Geschichte seiner Familie konfrontiert wird.

Dieser Film, „Winterreise“, des dänischen Filmemachers Anders Østergaard, ist tatsächlich ein sehr bewegender und persönlicher Abschied.

Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh‘ ich wieder aus.
(Winterreise, Franz Schubert / Wilhelm Müller, 1827)

Es ist ein, in jeder Hinsicht, die Konventionen sprengender Film. Es ist ein bedeutsamer Film. Und ein sehr intimer Film. Denn was Østergaard verfilmt hat, war das Buch von Martin Goldsmith, über die Gespräche mit seinem eigenen Vater, Günter Goldschmidt, einem jüdischen Musiker, dem 1941 zusammen mit seiner Frau in letzter Minute noch die Flucht aus Nazideutschland geglückt ist, und deren gesamte zurückbleibende Familie in den Vernichtungslagern umgekommen ist.

Goldsmith, der Sohn, stellt im Film seine Fragen selbst, und agiert nur als Mann hinter der Kamera. Das Bild gehört ganz seinem Vater, einem pensionierten Möbelverkäufer und montierten Szenen aus Spielszenen, Standbildern und Filmausschnitten aus Deutschland der Dreißiger- und Vierzigerjahre und der Gegenwart. Bilder, die Erinnerung illustrieren, die verwirren, verstören, aufregen und schmerzen. Am Ende ist es der Schmerz eines ganzen Lebens, dem Bruno Ganz ein Gesicht und vor allem eine Stimme verleiht.

Mich hat dieses filmische Experiment zutiefst berührt. Und nachdenklich gemacht. Nicht nur weil es eine deutsche Geschichte illustriert.

Denn, bei aller Kunst, die es hier auch zu feiern gibt: Wie viel wissen wir denn eigentlich wirklich von unseren (Groß-)Vätern? Wie viel von dem, was sie wissen, haben sie uns erzählt? Wie viel haben oder wollten sie schon vergessen, und warum? Wie viel davon wollen wir wissen? Was macht das, was sie uns erzählen könnten, mit uns? Haben wir sie denn überhaupt gefragt?

Eine deutsche Geschichte. Eine universelle Geschichte.

Bruno Ganz starb gestern vor fünf Jahren.


„Winterreise“ in der ARD Mediathek bis 28.02.2024

Spiel/Dokumentarfilm, Deutschland, 2019
Regie: Anders Østergaard, Erzsébet Rácz
Drehbuch: Martin Goldsmith, Anders Østergaard
Produktion: Mette Heide
Kamera: Henner Besuch, Mitja Falk, Agnesh Pakozdi, Lars Skree
Schnitt: Anders Villadsen
Mit: Bruno Ganz, Martin Goldsmith, Harvey Friedman, Leonard Scheicher, András Bálint, Dani Levy

2 Antworten zu „Bruno Ganz – Winterreise (2019)“

  1. Mediathekperlen
    Mediathekperlen

    Wow, @Moni, danke für den Hinweis! Den Film kannte ich noch gar nicht. Und du hast Recht, das Motiv scheint sehr, sehr ähnlich. Auch wenn die Geschichte natürlich eine andere sein wird. Ich habe da ein Interview mit Bruno Ganz in der taz gefunden. Sehr spannend! Ich muss den Film auf jeden Fall sehen – sollte sich denn jemals eine Wiederholung ergeben. Hoffen wir einfach darauf!

  2. Mediathekperlen
    Mediathekperlen

    Bruno Ganz – Winterreise (2019)

    Dieser einzigartige – und letzte – Film mit Bruno Ganz läuft morgen schon wieder in der ARD Mediathek ab. Auch weil er mich so tief bewegt hat, empfehle ich sehr, lieber nicht auf eine Wiederholung zu warten. Auch wenn es wirklich alles andere als leichte Feierabendunterhaltung ist, ist der Film die Aufmerksamkeit wert!

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