Ken Loach und die Liebe – Just a Kiss (2004)

Kein anderer Filmemacher war wohl näher dran, an den „kleinen Leuten“, den am Rande stehenden, den Opfern des Thatcherismus und Neoliberalismus in Großbritannien. Und kein anderer stand vermutlich so solidarisch zu seinen Figuren. Nun ist er schon 88. und hat sich meine Bewunderung für sein Lebenswerk redlich verdient. ARTE zeigt einen Liebesfilm. Ja, sie haben richtig gelesen!

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Für Ken Loach war es immer selbstverständlich, sich auf die Seite der Marginalisierten zu stellen. So ist sein Film „Hidden Agenda“ 1990 zum Beispiel ist eine scharfe Verurteilung der britischen „Shoot-to-kill“-Politik in Nordirland. Dafür hat er jede Menge Prügel bezogen. Sein Film wurde als Propaganda und er selbst als Agent der IRA diskreditiert. Was allerdings nicht verhindern konnte, dass der Film im gleichen Jahr den Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes gewann.

Ein Jahrzehnt später führten die Ereignisse von 9/11 dazu, dass eine ganz andere Gemeinschaft an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde. Plötzlich waren es Muslime die als „gewalttätig, gefährlich und bedrohlich“ Ziel der Anti-Terror-Gesetzgebung wurden. Die frappierenden Ähnlichkeiten zwischen der Behandlung und den Erfahrungen der irischen Community in Großbritannien während der „Troubles“ der IRA-Bedrohung und der britischen muslimischen Gemeinschaft sind bis heute auffällig.

Und mitten in diesem gesellschaftlichen Klima, macht Loach einen „Liebesfilm“? Hatte er da noch all seine Sinne beisammen? Ja, das hatte er. Und besonders scharfen Verstand. Denn eine Geschichte ausgerechnet über einen schottisch-pakistanischem Muslim Casim (Atta Yaqub) und die irisch-katholische Roisin (Eve Birthistle) zu erzählen, war ein überaus treffender Kommentar zum gesellschaftlichen Klima. Mehr Konfrontation britischer Stereotypen und stigmatisierter Gemeinschaften war eigentlich gar nicht vorstellbar. „Romeo und Julia reloaded“.

„Wenn der Proleten-Filmer Loach eine so beschwingte Romanze hinkriegt, kann Ingmar Bergman auch ‚Die Hard 4‘ drehen.“

(KulturSpiegel, Nr. 11, 2004, S. 52., zitiert nach Wikipedia)

„Wenn du Hass entlarven willst, stell‘ ihm die Liebe gegenüber…“ so würde ich Loachs Motiv beschreiben. Und wie sehr das funktioniert, zeigt er uns.

Nun braucht es gar nicht viel Phantasie, die spezifisch britische Geschichte auf jeden anderen gesellschaftlichen Hintergrund zu übertragen. Denn ob wir Menschen nun über Religionen, Nationalitäten, Herkunft oder Hautfarben unterscheiden, falsch ist es in jedem Fall.

Es ist ein ganz wundervoller Film. Mit einem Herz für die Menschen.


„Just a Kiss“ – in der ARTE Mediathek bis 28.02.2024

Spielfilm, Großbritannien, 2004
FSK: ab 6
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Produktion: Rebecca O’Brien
Musik: George Fenton
Kamera: Barry Ackroyd
Schnitt: Jonathan Morris
Mit: Atta Yaqub, Eva Birthistle, Ahmad Riaz, Shamshad Akhtar, Shabana Akhtar Bakhsh, Ghizala Avan, Shy Ramsan, Emma Friel, David McKay, Raymond Mearns, Gary Lewis, Karen Fraser, John Yule, Ruth McGhie, Gerard Kelly, David Wallace, Dougie Wallace, Jacqueline Bett, Pasha Bocarie, Foqia Hayee, Abdul Hayee, Sunna Mirza, Balquees Hassan

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