Kida Khodr Ramadan – Testo (2024)

Bam! Halten sie sich bloß irgendwo fest. Das neue Ding von Kida steht in der Mediathek, und die ganze ARD hält die Luft an. Denn das ist wichtig! Soll die Mini-Serie doch einerseits die „neue“ Online-Strategie des öffentlich rechtlichen Dickschiffes demonstrieren. Und dann möglichst auch noch den Altersschnitt ihres Publikums um mindestens ein Jahrzehnt nach unten drücken.

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Kann schon sein, dass der Plan der Frau Strobl aufgeht. Ramadan liefert ab. Zuverlässig. Und zwar „auf die Zwölf“. Klasse gemacht ist sie, diese „Mini-Serie“ auf Testosteron. Schnell, modern, ohne großen Vorlauf, sofort rein in die Szene. Ein Bankraub, der zum Epic-Fail wird. So sieht es zunächst jedenfalls aus. Und den Rest müssen sie woanders nachlesen. Weil es hier ein Spoiler wäre.

Ich mag Kida Khodr Ramadan, auch wenn er vielleicht in den letzten Jahren wahrscheinlich ein wenig zu viel gearbeitet hat. Er hat das Genre zwar nicht erfunden, doch er hat seine moderne Erzählung souverän im Griff. Hier hat er sich gleich eines der größten Vorbilder in der Filmgeschichte vorgenommen: „Dog Day Afternoon“ (Hundstage), die unerreichte Bankraub-Ballade von Sidney Lumet aus 1975, mit dem damals überragenden und intensivsten Al Pacino aller Zeiten.

Das Problem mit solchen Vergleichen ist immer: Eine der zwei Seiten verliert (meistens)… und vermutlich sind die meisten auch schon in ihrer Prämisse äußerst unfair. Denn einen oscarprämierten Hollywood-Klassiker mit einer Produktion für die ARD Mediathek zu vergleichen, wäre schlicht falsch. Und deshalb mach ich das auch nicht. Ich nenne „Testo“ lieber eine kleine, schmutzige, Hommage an das Genre. Ein Comic für Erwachsene und Nachwuchsgangster:innen.

Ein todsicherer Spaß ist „Testo“ für alle, die Selbstironie als Hohelied der Fiktion schätzen. Und für die, die ein Auge für Beschleunigung der erzählten Zeit durch Schnittgestaltung haben. Nicht zuletzt Retzers Blick und ihr Handwerk als Cutterin macht „Testo“ so schnell. Für unkonventionelle Familienmenschen ist „Testo“ auch höchst ansehnlich. Vor Klamauk und Klamottenabsturz schützt der visuelle Adrenalinkick.

(Heike Hupertz, FAZ, 02.02.2024)

Auf die Crew, wie immer bei Ramadan, ist Verlass. Einzig Frederick Lau schien mir etwas „neben sich“ zu stehen – und das lag nicht an seinem BVB Trikot. Vielleicht hat ihm am allermeisten eine psychologische Unterfütterung seiner Filmpersönlichkeit gefehlt? Hier schaut die Kamera nur auf die Oberfläche. Eben so weit, dass aus den Interaktionen und Improvisationen eine Spannung entsteht. Stipe Erceg dagegen hat mir gefallen. Er sollte tatsächlich nur noch Anzüge tragen. Und der Essener Veysel Gelin, für mich der stärkste aus der Crew, sollte wirklich dauerhaft in die Schauspielerei wechseln. Von Gangster-Rap verstehe ich rein gar nichts. Doch als Darsteller hat der Mann wirklich was drauf!

Frau Thalbach hatte eigentlich nicht viel zu tun… und ganz ehrlich, wahrscheinlich gab es ihr Cameo auch nur deshalb, weil sie gerade Zeit und Lust drauf hatte. Bei Roland Zehrfeld denke ich immer an den jungen Berliner Polizisten „aus dem Osten“, der in Dominik Grafs großartiger Monsterserie „Im Angesicht des Verbrechens“ wahrscheinlich die Rolle seines Lebens spielen durfte. Tatsächlich spielt er hier fast schon eine Parodie seiner Rolle von damals. Und, ja, es funktioniert durchaus.

Ist das jetzt „besser“ als „Asbest“, dem Mediathekenhit aus dem letzten Jahr? Falsche Frage! Es ist etwas grundlegend anderes! Wo wir im letzten Jahr eine tatsächlich eine – mit ihren Mitteln – epische „Familen-„Geschichte serviert bekamen, haben wir dieses Jahr eine schnelle, ironische, kleine Story, fast in Echtzeit vor uns. Ich habe es oben schon geschrieben: Einen Comic. Da findet Geschichte vor allem auch zwischen den Bildern statt. Da ist nicht viel Text. Da fällt auch schon mal was raus, da endet eine Szene auch schon mal beim Umblättern.

In soweit macht auch das Format Sinn. In sieben +/- fünfzehnminütigen Episoden, bekommt die Geschichte eine eigene Dynamik – und passt in die Smartphone-Sehgewohnheiten der anvisierten jungen Nutzer:innenbasis. Für mich ist das eher nichts – aber ich kapier das. Und im Grunde ist das auch richtig. Wenn Ramadan einen 90-Minuten Spielfilm hätte machen wollen, dann hätte er eben genau das auch getan. Vielleicht aber nicht für die Mediathek, sondern für das Kino. Ich hätte das noch genialer gefunden, als diese Serie. Doch ich mag sie sehr, für das was sie ist.

Nicht mehr, nicht weniger.


„Testo“ – in der ARD Mediathek bis 02.02.2025
„Asbest“ – in der ARD Mediathek bis 10.05.2024

TV-Serie, Deutschland, 2024
Regie:
Kida Khodr Ramadan, Olivia Retzer
Buch: Kida Khodr Ramadan, Jonas Hartmann
Kamera: Armin Franzen
Musik: Clemens Bacher aka CID RIM
Mit: Kida Khodr Ramadan, Frederick Lau, Veysel Gelin, Stipe Erceg, Nicolette Krebitz, Jeanette Hain, Ruby O. Fee, Mortel Jovete, Uwe Preuss, Julius Feldmeier, Kathrin Angerer, Tanju Bilir, Katharina Thalbach, Tom Jester, Biko Erki

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