Ben Whishaw – The Hour (Serie, 2012)

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Journalist:innen bei der Arbeit zu beobachten, ist ja schon lange ein eigenes Genre. Alleine an Serien zum Thema gibt es Material genug, um einen ganzen Sender damit zu betreiben. Ich habe damals bei „Lou Grant“ gelernt und erst jüngst bei „The Morning Show“ fast den Spaß daran verloren.

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Mein Lieblingsseriensender ARTE lässt uns derzeit mit „The Hour“ (2012) wieder einen modernen Klassiker des Genres wiederentdecken, der, obwohl schon 12 Jahre alt, noch immer frisch und äußerst zeitgeistig daherkommt. Das liegt auch an der Entscheidung der BBC, die zwei Staffeln dieser Serie in den fünfziger Jahren anzusiedeln, einer Zeit, in welcher der kalte Krieg alleine schon für jeden Stoff eigentlich genug Spannung bereithält. Zudem ist es auch eine historische Rekonstruktion der eigenen Geschichte.

Denn dass die britische Mutter aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den Status als großes Vorbild für demokratisch verfassten Journalismus erlangen sollte, lag auch und insbesondere an ihrer Neukonstituierung nach dem II. Weltkrieg.

Die 14-Tage-Regel

Heute unvorstellbar ist die Vereinbarung zwischen dem Sender und dem House of Commons, nicht über Vorgänge von nationaler Tragweite zu berichten, bevor sie nicht vom Parlament diskutiert wurden.

Der Grund dafür war, dass so der Status des Unterhauses als oberstes Debattenforum des Landes erhalten werden und nicht der Rundfunk diese Rolle etwa übernehmen sollte. Diese Regel erschien während des Krieges sowohl der BBC als auch der Regierung über viele Jahre lang vernünftig, bis eben zur Zeit der Suezkrise, als die öffentliche Debatte beide Institutionen einfach überrollt hat.

Ziemlich großartig inszeniert die Serie den Kampf von investigativen Journalist:innen der ersten wöchentlichen und live produzierten einstündigen Nachrichtensendung der BBC „The Hour“, die zunächst die Institution des Senders und später die Öffentlichkeit so weit und deutlich auf ihre Seite gebracht haben, dass auch das Parlament und die Politik diese Regel nicht mehr verteidigen konnte.

Das passt in die Zeit, auch weil unser heutiger 24h Newszyklus dank Internet und Echtzeitberichterstattung im TV, die Art wie Politik gemacht, verkauft, erklärt und diskutiert wird, noch einmal ganz neu erfunden hat.

Brillant inszeniert ist die erste Staffel als 50er-Jahre Spionage und Geheimdienststück. Faszinierend anzusehen, auch weil das Fernsehmachen noch ein analoges Live-Handwerk war. Da hat die BBC tief in den eigenen Fundus gegriffen und alles an Technik, Studio- und Bürokulissen rekonstruiert, was noch in den Kellern und dem Fernsehmuseum herumgestanden ist.

Die zweite Staffel kommt weniger als Spionagethriller, denn als Drama daher. Und mit ITV bekam die BBC 1955 zum ersten Mal auch private Konkurrenz. Ein überfallenes Showgirl, die Rechte von Homosexuellen und die Xenophobie der 50er Jahre – das ist alles andere als leichte Kost, dennoch eigentlich deutlich weniger (welt- und innen-)politisch als die erste. Doch wenn der führende Investigativreporter einen Nazi und einen schwarzen Hausarzt in das Studio einlädt, um den latenten Rassismus in der britischen Gesellschaft zu entlarven, wird es aufregend. Ob Frau Miosga das gesehen hat, ist mir nicht bekannt.

Der Cast ist überragend und hat mit Ben Whishaw, Dominic West, Romola Garai und insbesondere Anton Lesser auch eine Star-Power, für die alleine sich das Einschalten lohnt.

Das alles ist wirklich hervorragend gealtert und deshalb eine absolut zeitlose, hochintelligente und, für mich, noch immer, wirklich spannende Serie.



TV-Serie, BBC, Großbritannien, 2012, FSK: ?, Regie: Cocky Giedroyc, Harry Bradbeer, Jamie Payne, Sandra Goldbacher, Catherine Morshead, Drehbuch: Abi Morgan, Produktion: Kudos Film &Television, BBC, Shine Group, Produzentin: Ruth Kenley-Letts, Kamera: Chris Seager, Schnitt: Gareth C. Scales, Musik: Daniel Giorgetti, Mit: Dominic West, Romola Garai, Ben Whishaw, Anton Lesser, Julian Rhind-Tutt, Anna Chancellor, Joshua McGuire, Lisa, Greenwood, Oona Chaplin, Vanessa Kirby, Peter Capaldi, Hannah Tointon, Tom Burke, Peter Sullivan


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