Martin Scorsese – Casino (1995)

Dieses Epos haben wir zuletzt am Superbowl-Sunday gesehen. Dafür, den legendären Las-Vegas-Film von Martin Scorsese in das Programm zu nehmen, gebührt der ARD immer wieder mein Dank. Denn er ist in jeder Hinsicht ein historisches Werk. Doch wen kümmert schon die Geschichte? Zumal wenn ein Ort so künstlich und so anti-historisch angelegt ist, wie die Stadt in der Wüste von Nevada.

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Zu behaupten, ich würde die Stadt kennen, wäre übertrieben, ja glatt gelogen. Auch wenn ich im Zeitraum von rund 25 Jahren selbst fünfmal dort gewesen bin, könnte ich nur darüber sprechen, was ich erlebt und gesehen habe. Denn nirgendwo hat die Gegenwart eine geringere Halbwertzeit als in Vegas. Und das, was wir heute erleben, ist morgen schon wieder Vergangenheit.

Gäbe es die Mafia nicht, müsste man sie erfinden. Dasselbe gilt auch für Las Vegas. Es besteht ein universelles Bedürfnis, an ein Unternehmen zu glauben, das außerhalb der Regeln existiert und Dinge erledigen kann.

Es besteht ein damit verbundenes Bedürfnis nach einem Ort, an dem die Regeln außer Kraft gesetzt sind, wo es keinen Tag und keine Nacht gibt, wo alles seinen Preis hat und wo man, wenn man Glück hat, als Millionär nach Hause geht. Natürlich verlieren Leute, die nach Vegas gehen, Geld, und Leute, die mit der Mafia zu tun haben, bereuen es. Aber wir reden hier von Hoffnung. Weder die Mafia noch Vegas könnten existieren, wenn die meisten Menschen nicht Optimisten wären.

(Roger Ebert, Casino, 1996)

Das Las Vegas der Mafia ist lange Geschichte. Schon lang ist die ganze Stadt in der Kontrolle von börsengehandelten Entertainment-Konzernen und Investment-Fonds. Und nach der Glücksspielmetropole entstand seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die familienkompatible Entertainmenthauptstadt der Welt. Ein Businessmodell, das seine Betreiber:innen erst so reich gemacht hat, dass sie unter anderem auch darüber entscheiden können, wer in den USA Präsident werden kann. Nicht auszuschließen also, dass auch mein Geld den Wahlkampf von Donald J. Trump finanziert hat.

Das Casino-Motel, in dem ich im Jahr 2000 noch für $39/Nacht geschlafen habe, ist inzwischen auch schon wieder Geschichte. Interessant daran ist, dass der Komplex, der neben dem Motel unter anderem aus einem In&Out-Burger (die besten Fast-Food-Burger der USA!) und einer Tankstelle mit riesigem Truck-Parkplatz bestand, ursprünglich mal die neue Heimat für die Oakland Athletics werden sollte. Doch für das geplante Baseball-Stadion wird nun stattdessen eines der letzten noch existierenden Mafia-Casinos, das Tropicana, Las Vegas, weichen müssen.

Und damit sind wir bei der nächsten, schon auf Hochtouren laufenden Überformung der Stadt. Ihrer Neuerfindung als Sport-Hauptstadt der USA. Spätestens die Formel-1 Rennwagen auf dem Las-Vegas-Strip im letzten November haben auch den letzten Nostalgiker:innen klargemacht, was die Zukunft sein wird.

Für die professionellen Sport-Ligen in den USA ist es nur folgerichtig. Denn so wächst zusammen, was schon lange nur in Symbiose existiert. Kapital, Wettgeschäft, Entertainment und Sport. Auseinander zu halten ist das nicht mehr. Und tatsächlich gibt es in der Welt des kapitalistischen Entertainments nichts Größeres, als den Superbowl.

Für mich ist das nichts.

Doch Martin Scorseses episches (2 Stunden, 45 Minuten) Meisterwerk über die Menschen, die Las Vegas erst zu einer Geldmaschine gemacht haben, um dann von eben dieser ausgespuckt zu werden als die Konzerne das Geschäft übernahmen, ist mir ein Fest. Es ist eben nicht „nur“ ein Film über die Mafia, sondern, wie immer bei Scorsese, auch eine Geschichtsstunde über die Identität der USA.

Der beste De Niro? Ich mag mich nicht festlegen. Der beste Scorsese? Vielleicht.

Viva Las Vegas!



Spielfilm, USA, 1995, FSK: ab 16, Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: Nicholas Pileggi, Martin Scorsese, Produktion: Barbara De Fina, Kamera: Robert Richardson, Schnitt: Thelma Schoonmaker, Mit: Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Don Rickles, Alan King, Kevin Pollak, L. Q. Jones, Dick Smothers, Frank Vincent, Pasquale Cajano, Frankie Avalon, Steve Allen, Oscar B. Goodman, Steve Schirripa

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