Seht euch noch einmal um! – Everything Will Change (2022)

5
(1)
Kein Dokumentarfilm, keine Science-Fiction, kein Spielfilm, keine Dystopie, kein Märchen. Was wir hier haben, ist ein Hybrid. Agitprop-Kino. Und die Mission dieses Films ist es nicht weniger als die Welt zu retten. Doch ist das nicht unweigerlich zum Scheitern verurteilt, wenn kein Mensch ihn sieht? Bitte sehen Sie sich das an und erzählen Sie anderen davon!

Hier wurde ein Video von Youtube, einer Plattform von Alphabet (Google) eingebunden. Der Inhalt wird nur geladen, wenn sie zuvor einer Übertragung ihrer persönlichen Daten (ua. ihrer IP-Adresse) an die Plattform zustimmen.

Klicken sie auf dieses Cover, um den Inhalt anzuzeigen.

Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Eine Menge Menschen haben den Film gesehen. Auf Filmfestivals und in den Programmkinos. Dafür, dass er wirkt, wie er soll, gehört er aber in die Multiplexe. Auf die möglichst größten Leinwände des Landes. Denn er benutzt Bilder, die eigentlich eine so unglaublich starke Sprache sprechen – unmöglich sich dem zu entziehen. In den dritten Programmen der ARD oder bei ARTE allerdings erreicht er doch nur wieder ein viel zu kleines Publikum. Genau das ist vermutlich ein Teil des Problems, aber kein Teil der Lösung.

Ich war zu Anfang skeptisch, ob dieser „Spielfilm“ funktionieren würde. Und gegen Ende war ich verblüfft. Denn dieses Crossover aus Formaten funktioniert sogar erstaunlich gut. Was wirklich nicht zu erwarten war, von einem Film, der im Jahr 2054 spielt und in dem ein alter Mercedes W123 Kombi aus dem letzten Jahrhundert als Zeitmaschine eingesetzt wird.

Genau so einen habe ich gefahren, als Taxi, damals, in den Achtzigern, als wir vom Klimawandel noch nichts wussten. Oder wissen wollten, je nachdem. Keine Frage, für mich, der ich alt genug bin, mich zu erinnern, ist der Film eigentlich nicht gemacht. Ich, geboren 1965, bin, wie schon geschrieben, ein Teil des Problems. Doch es ist brandeilig, diese Erkenntnis endlich auch in Taten umzusetzen. Wir alle wissen es ja längst.

EVERYTHING WILL CHANGE erzählt vom abenteuerlichen Roadtrip dreier Freunde, (…) die im Jahr 2054 eine sterile, betonierte Welt bewohnen. Als sie erfahren, dass ihr Planet einst von reicher, bunter Schönheit geprägt war, machen sie sich auf eine Reise, um Antworten auf ihre immer größer werdenden Fragen zu suchen: „Was ist Giraffe? Und warum sind die Tiere verschwunden, die es mal gab?“ (…) Die Suche führt in die 2020er Jahre – der letzten, verpassten Chance des Planeten.

(Farbfilmverleih, Pressetext, 2021)

Früher, in den Siebzigern, Achtzigern, als es nur drei Fernsehprogramme gab, hätte dieser Film vermutlich noch Menschen erregt, verärgert, es ihnen unbequem gemacht, oder sie gar mobilisiert. Vielleicht hätte er sogar dazu beigetragen, eine neue (grüne) Partei zu gründen. Wäre das heute noch möglich …? In der Aufmerksamkeitsökonomie des 21. Jahrhunderts ist es jedenfalls ungleich schwerer. Für einen Film fast – aber nicht gänzlich – unwahrscheinlich zu leisten.

„Dieser Film ist eine dieser Offenbarungen, die dich dazu bringt aufzustehen und etwas zu tun.“

(Wim Wenders)

Menschen müssen den Film tatsächlich nicht sehen, um das Problem des Klimawandels und des massenhaften Artensterbens zu verstehen … aber denen, deren Zukunftshorizont über die eigene Lebenserwartung hinaus geht, gibt er vielleicht Kraft, Argumente und verstärkt vielleicht das Bedürfnis mehr zu tun, als sich etwa über zu wenig oder gar zu viel (öffentlich-rechtliche) Berichterstattung zur Klimakatastrophe aufzuregen und darüber dann das Internet vollzuschreiben.

Die Expert:innen, die im Film auftreten:

Prof. Stuart Pimm – Wissenschaftler für Erhaltung der Spezies
Joëlle Chesselet – Forscherin, Filmemacherin
Prof. Rodolfo Dirzo – Wissenschaftler für die Erhaltung von Spezies
Prof. Thomas E. Lovejoy – Biologe
Scott Loarie – Doktor der Philosophie, Co-Director von iNaturalist
Prof. Dr. Mojib Latif – Meteorologe und Ozeanograf
Dr. Cary Fowler – Agraringenieur
Wim Wenders – Regisseur, Autor, Fotograf
Louie Schwartzberg – Regisseur, Bildgestalter, Producer
Markus Imhoof – Autor, Regisseur, Imker
Prof. Daniel Pauly – Professor of Fisheries, University of British Columbia
Prof. Ursula K. Heise – Forscherin, Lehrerin

Ich bin beeindruckt, von diesem Experiment. Und Künstler:innen, Filmemacher:innen, die sich trauen – gerade angesichts der monströsen Katastrophe – kreative und ungewohnte Wege zu gehen, sollten dafür belohnt werden. Schauen Sie sich das an. Wenn sie Kinder (ab 12) haben, tun sie das gemeinsam. Sie werden sich vielleicht unwohl fühlen, und Fragen beantworten müssen.

Doch sie und ich wissen, dass wir keine Botschaft aus der Zukunft bekommen werden. Wir müssen uns schon selbst darum kümmern, wenn unsere Kinder und der Planet noch eine haben sollen.



Spiel/Dokumentarfilm, Deutschland, 2022, FSK: ab 12, Regie: Marten Persiel, Drehbuch: Marten Persiel, Aisha Prigann, Produktion: Katharina Bergfeld, Martin Heisler, Musik: Gary Marlowe, Kamera: Felix Leiberg, Schnitt: Maxine Goedicke, Bobby Good, Mit: Noah Saavedra, Jessamine-Bliss Bell, Vibeke Hastrup, Gert Jan Louwe, Paul G. Raymond, Jacqueline Chan, Stuart L. Pimm, Carlo Cusenza, Mojib Latif, Cary Fowler, Carlo Cusenza, Thomas Lovejoy, Choëlle Jesselett, Ursula Heise, Louie Schwartzberg, Markus Imhoof, Wim Wenders


Wie bewerten Sie diesen Beitrag (den Film oder die Serie)?

Dieser Beitrag wurde 1x im Durchschnitt mit 5 bewertet.

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.


10 Antworten

  1. Avatar

    @mediathekperlen Super Tipp, vielen Dank dafür 😊👍🙏

    1. Mediathekperlen
      Mediathekperlen

      „Dafür nich’“, liebe @conni. Danke für’s verteilen! 👍 ❤️

      1. Avatar

        @mediathekperlen @Jupp_Schmitz Ich musste gerade noch mal neu folgen, gab es einen Umzug oder sowas?🤔

    2. Mediathekperlen
      Mediathekperlen

      Hmmm, sorry, @conni, dafür habe ich keine Erklärung. Eigentlich läuft hier seit November 2023 alles stabil. Aber WordPress ist auch immer mal für einen Schluckauf gut… Schön, jedenfalls, dass du wieder da bist!

  2. Avatar

    @mediathekperlen
    „EVERYTHING WILL CHANGE“ gesehen.
    Danke auch für diese Perle @rhrwllnrtr
    Ist mir noch nie passiert, dass ich einen Film unmittelbar nach dem Ende ein zweites Mal angeschaut habe, hier schon.

    Mit Tränen, weil wir so eine wunderbare Natur zerstören. Mit Wut, weil es Menschen und Konzerne gibt, die immer noch weiter zerstören. Mit Trauer, weil wir schon zu viel Zeit verschenkt haben.

    Noch bis übermorgen ⬇️
    https://www.arte.tv/de/videos/076615-000-A/die-2050er-everything-will-change/

    Und die Welt retten MÜSSEN wir ab heute!

    1. Avatar

      Vielmals Dank, @gretebrug, für den Post. Im Grunde fasst du in ganz wenigen Zeilen all das zusammen, was dieser Film vermag. Ich war zunächst skeptisch, weil ich angenommen habe, dass „die falschen“ Leute diesen Film sehen würden. Leute wie du und ich, die ohnehin schon lange wissen, worum es geht.

      Inzwischen glaube ich, dass es genau andersherum funktioniert. Denn das der Film uns auch Kraft und Motivation gibt, ist eben auch ein ganz wichtiger Effekt. @mediathekperlen

    2. Avatar

      @rhrwllnrtr @mediathekperlen
      Kraft und Motivation braucht es eine Menge, wenn täglich zu lesen ist, wie alles ausgebremst wird. Volles Tempo gibt es scheinbar nur noch für Deutschlands Autostraßen 😟
      Deshalb sind diese Filme so wichtig.
      Ein ruhiger Film, der zeigt wie es ist und wie es sein wird.

  3. Avatar

    Danke für den Tipp @mediathekperlen! 👍

    Als Download oder zum direkten ansehen (noch) bei der inoffiziellen gemeinsamen ÖR-Mediathek MediathekViewWeb verfügbar.

    "Seht euch noch einmal um! – Everything Will Change" (von 2022):
    https://mediathekviewweb.de/#query=Everythin%20Will%20Change

  4. Avatar

    @mediathekperlen In den ersten Minuten des Films taucht irgendwo kurz geschrieben das Wort #Hikikomori auf. Das hat mich sehr berührt, da ich einen kenne. Sucht ruhig mal danach im Internet, wenn ihr noch nie davon gehört habt! Es ist eine Lebensweise, die Mitleid erweckt, aber unserer lebensfeindlichen Gesellschaft letztlich den Spiegel vorhält.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert