Peter Weir – The Way Back (2010)

4.3
(3)
Der, bis heute, letzte Film von Peter Weir war sicher kein Blockbuster. Ein Highlight ist er doch. Denn der Australier hat sich damit noch einmal in die Hand der Elemente begeben. Die Lebensfeindlichkeit der Natur und die der Menschen. Das Motiv, die Flucht aus Stalins Gulag, soll einer wahren Geschichte entsprechen. In jedem Fall ist es ein großes Drama.

Hier wurde ein Video von Youtube, einer Plattform von Alphabet (Google) eingebunden. Der Inhalt wird nur geladen, wenn sie zuvor einer Übertragung ihrer persönlichen Daten (ua. ihrer IP-Adresse) an die Plattform zustimmen.

Klicken sie auf dieses Cover, um den Inhalt anzuzeigen.

Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

In den Achtzigern und Neunzigern hatte der Australier einen kreativen Lauf, der ihn in die erste Reihe der erfolgreichsten Regisseure (alles Männer) hat vorrücken lassen. Als Filmemacher, der, bevor er Australien verließ, aus seinen kleinen, schmutzigen Horrorfilmen eigentlich ein eigenes Genre erschaffen konnte, hat Weir es mit seinen amerikanischen Filmen geschafft, gleichsam intelligente, aber auch massenkompatible Geschichten auf die Leinwand zu bringen, die bis heute rein gar nichts an ihrer Wirkung eingebüßt haben.

„Der einzige Zeuge“, der Amish-Thriller mit Harrison Ford und Kelly McGillis, „Der Club der toten Dichter“, mit dem unvergessenen Robin Williams, sicher einer der großartigsten Filme des letzten Jahrhunderts, und „Die Truman-Show“, vermutlich eine der bösesten und erfolgreichsten Mediensatiren der Geschichte, all das sind Filme, die mich in meiner Rezeptionsbiografie maßgeblich geprägt haben.

Dass in seiner 40 Jahre langen Berufsbiografie nicht mehr als 14 Filme entstanden sind, belegt auch, dass Weir keiner ist, der sich vom kommerziellen Erfolg etwa blenden ließ. Sein Erfolg hat ihn viel mehr unabhängig gemacht, von der Filmfabrik. Er hatte es nicht nötig, sich von der Gier der Contentmafia zu immer mehr Filmen antreiben zu lassen.

Um so mehr ist es deshalb bemerkenswert, wenn einer seiner Filme wieder den Weg in eine Mediathek findet. Und Hinsehen ist hier schon deshalb empfohlen, weil es Weirs, bis heute, letzter Film ist. Vermutlich wird es sein Vermächtnis sein? Er ist inzwischen auch schon achtzig Jahre alt.

Nun ist auch „Der lange Weg“ kein Popcornfilm. Ganz im Gegenteil. Er wird sie fordern. Und er bittet nicht darum, gemocht zu werden. Auch ist das Motiv, gerade für das deutsche Publikum, nicht wirklich originell. Mit „Soweit die Füße tragen“ (1959 und 2001) gab es ja „bei uns“ ja nicht nur einen Klassiker der Nachkriegsliteratur, sondern auch einen ebensolchen Fernsehklassiker und nur knapp 40 Jahre später auch sein Remake für das Kino.

Wie bei den deutschen „Vorbildern“ bekommen wir auch bei Peter Weir nicht wirklich eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Regime, das für die zugrundeliegenden Handlungen verantwortlich gewesen ist. Sowohl in der deutschen, als auch in der hier zugrundeliegenden polnischen Version der Geschichte geht es um eine Flucht aus Stalins Gulag in der Sowjetunion.

Und auch wenn deren Wahrheitsgehalt umstritten ist, auch wenn der im Himalaya endende Teil seines Films entfernt an „Sieben Jahre in Tibet“ von Jean-Jacques Annaud erinnert, schafft Weir es, daraus ein großes existenzielles Drama zu formen, welches die Protagonisten und ihre Not in den Mittelpunkt stellt, und es so vermeidet, nur ein Abenteuer zu erzählen. Ganz egal, wie authentisch die Geschichte sein mag. Was zählt ist, dass sie sich so zugetragen haben könnte.

Natürlich fordert der Film uns, sein Publikum. Neben der großartigen Saoirse Ronan ist es eine Geschichte (fast) ausschließlich von Männern. Jim Sturgess, Colin Farrell und vor allem Ed Harris kennen sie gut. Keiner von ihnen dürfte aber für einen ganzen Film vorher wohl körperlich derartig an seine Grenzen gegangen sein, wie sie ihnen hier abverlangt worden sind.

Und das ist das Besondere an „The Way Back“. Die Inszenierung der „Elemente“. Denn die elementare Gewalt der Natur ist hier wahrhaftig die wichtigste und mächtigste Hauptdarstellerin, angesichts derer sich Menschen, zurückgeworfen auf ihre pure Existenz, nur mehr auf das verlassen können, was sie von anderen Lebensformen unterscheidet:

Die Macht des freien Willens und die Kraft kollektiven Handelns.



Drama, USA, 2010, FSK: ab 12, Regie: Peter Weir, Drehbuch: Peter Weir, Keith R. Clarke, Produktion: Duncan Henderson, Nigel Sinclair, Peter Weir, Joni Levin, Musik: Burkhard von Dallwitz, Kamera: Russell Boyd, Schnitt: Lee Smith, Mit: Jim Sturgess, Colin Farrell, Ed Harris, Saoirse Ronan, Mark Strong, Alexandru Potocean, Sebastian Urzendowsky, Gustaf Skarsgård, Dragoș Bucur


Wie bewerten Sie diesen Beitrag?

Dieser Beitrag wurde 3x im Durchschnitt mit 4.3 bewertet.

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.


2 Antworten

  1. Avatar

    @mediathekperlen
    'belegt auch, dass Weir keiner ist, der sich treiben ließ.'
    Diesen Satz habe ich zuerst komplett falsch verstanden. Nämlich im Sinne von 'sich treiben lassen' – also ohne Antrieb einfach mal sehen, wohin das Leben einen bringt.
    Gemeint ist aber, 'sich antreiben lassen', 'vorwärts treiben lassen'.

    1. Mediathekperlen
      Mediathekperlen

      @glueckstein, du hast vollkommen recht! Sprachlich war das mehr als unglücklich formuliert. Deshalb habe ich die beiden Sätze etwas umgebaut. Hoffentlich wird so etwas klarer, was ich eigentlich ausdrücken wollte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert