Martin Bengtsson – Tiger (2020)

3.8
(4)
Kein Fußball-Sommermärchen. Überhaupt kein Märchen, sondern das verfilmte Tagebuch eines der größten Talente seiner Zeit. Wenn Sie sich auf die Fußball-Europameisterschaft (der Männer) einstimmen wollen, dann empfehle ich diesen Film. Und selbst wenn Fußball gar nicht ihr Thema ist, ist er doch äußerst sehenswert.

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Der Trailer ist irreführend. Vielleicht auch, aus rein kommerziellem Interesse, mit Absicht. Denn wir könnten aufgrund der 90-sekündigen Vorschau auch ein konventionelles Heldendrama erwarten, wie es gerade in Sportfilmen die Norm ist. So etwas sieht das Publikum gerne. Denn liebt es doch das Spiel, seine Helden und seine Legenden.

Doch hier bekommen wir das Gegenteil. Hier werden wir in die dunkle Seite der Sport-Entertainment-Industrie eingeführt. Hier sehen wir die möglichen Konsequenzen des internationalen Menschenhandels von jungen Talenten, die fast noch Kinder sind. Hier erzählt einer, der fast darin umgekommen ist, selbst von der Talentschmiede des Systems.

Einen zynischeren Begriff als „Schmiede“ gibt es gar nicht, wenn es darum geht, die Förderung von talentierten Nachwuchssportler:innen zu beschreiben. Das Eisen wird glühend erhitzt bis zu dem Punkt, an dem es fast schmilzt, um dann mit gezielten Hammerschlägen in die Form gebracht zu werden, die der Schmied und/oder seine Auftraggeber erwarten.

Das können sich nur Leute ausgedacht haben, die niemals in ihrem Leben Feuer geschürt und Eisen auf einem Amboss geschmiedet haben. Noch menschenfeindlicheres wollte ihnen wohl einfach nicht einfallen. Ich verachte Sportjournalist:innen, die sich dieses Begriffes bemächtigen, ohne auch nur eine Sekunde zu hinterfragen, welches Menschenbild darin eigentlich exponiert wird.

„Gefühle sind ein störendes Moment beim Fußball“

2004 wacht der Fußballer Martin Bengtsson, der auch im Nachwuchsteam bei Inter Mailand spielte, nach einem Suizidversuch auf. Drei Jahre später erscheint seine Biografie in Schweden, jetzt in Deutschland: Es ist aufrüttelnder Appell gegen die Leistungsfixierung im (Nachwuchs)Sport.

Von Karin Hahn | Deutschlandfunk, 26.05.2012

In diesem, auf Martin Bengtssons erlebter und von ihm selbst aufgeschriebener Geschichte basierenden Film, ist Inter Mailand die Schmiede. Doch ist der italienische Traditionsverein, heute im mehrheitlichen Besitz (68,55 %) eines chinesischen Elektronikgiganten, hier nicht wirklich relevant. Denn dieser Verein steht nur stellvertretend für das System. Allerdings ist die subtile Parallelität der Geschichten der beiden schwedischen Nachwuchsspieler Bengtsson und Ibrahimović eine, welche fast alle möglichen Extreme dieser „Industrie“ beinhaltet.

Anders als bei „Zlatan“ aus Malmö, für den Inter Mailand nur eine Etappe auf seinem Aufstieg zum internationalen Superstar und bestbezahlten Fußballer des Planeten gewesen ist, war es für Bengtsson aus Örebro schon nach 9 Monaten das Ende seiner internationalen Karriere – und fast auch seines Lebens.

Und das ist genau der Punkt, weshalb dieser Film so enorm wichtig ist. Denn auch wenn wir in Deutschland vom Schicksal des jungen Schweden vielleicht niemals erfahren hätten, hatten wir, nur wenige Jahre nach der in diesem Film gezeigten Geschichte, durch den Tod von Robert Enke unsere ganz eigene nationale Katharsis. Das dachten wir jedenfalls. Doch, fast 20 Jahre später, was hat sich eigentlich geändert?

Die mentale Gesundheit seiner Spieler:innen ist inzwischen sicherlich auch für einen professionell geführten Fußballclub wichtiger, als noch vor zwei Jahrzehnten. Doch, die Frage stelle ich mir als absoluter Außenseiter, dient das tatsächlich zuvorderst dem Schutz der Individuen, oder ist es nicht auch nur ein Teil der Wahrung eigentlich knallharter wirtschaftlicher Interessen?

Ist es eigentlich noch der gleiche Sport, den wir als Kinder gespielt und so sehr geliebt haben? Das, was wir in den nächsten Wochen als Premium-Produkt in deutschen Stadien sehen werden – was macht das mit uns? Und was macht das eigentlich mit den Spielern, vor allem jenen, die es nicht geschafft haben?

Die, von denen Sie nie gehört oder gelesen haben werden.

Was Martin Bengsson vor 20 Jahren erlebt und aufgeschrieben hat, ist immer noch wichtig. Was der fast gleichaltrige Ronnie Sandahl 16 Jahre später daraus gemacht hat, ist ein ebenso wichtiger, wie intensiver und insgesamt ziemlich großartiger Film. Er kommt zur absolut richtigen Zeit wieder ins Fernsehen und die Mediathek!

Bengtsson lebt heute als Autor, Journalist und Musiker in Schweden.


Martin Bengtsson exclusive interview: Inter Milan, depression and seeing his lowest moments play out in a movie

Swedish sensation Martin Bengtsson was tipped for the top at Inter but suffered depression and quit football at 19. In this exclusive interview with Sky Sports, he discusses the new movie that touches on his attempt to take his own life and how he found peace. – SkySports.com – 11.06.2022



Sportdrama, Schweden, 2020, FSK: ab 16, Regie: Ronnie Sandahl, Drehbuch: Ronnie Sandahl, Produktion: Piodor Gustafsson, Johanna Lind, Francesca Feder, Musik: Jonas Colstrup, Kamera: Marek Wieser, Schnitt: Åsa Mossberg, Mit: Erik Enge, Alfred Enoch, Liv Mjönes, Frida Gustavsson, Johannes Kuhnke, Henrik Rafaelsen, Maurizio Lombardi, Lino Musella, Gianluca Di Gennaro, Antonio Bannò, Antonio Zavatteri


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