Warum Geheimdienste lügen – Curveball (2020)

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Ein guter Indikator für den Wahrheitsgehalt eines Films welcher, zum Beispiel, die Arbeit von deutschen Geheimdiensten zum Gegenstand hat, ist darauf zu schauen, wer sich darüber beschwert. Und wenn die „Beschwerde“ etwa vom „Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland“ stammt, dann ist das ein Zeichen, dass der Film sich lohnt!

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Der Krieg im Irak basierte auf einer Lüge. Oder mehreren. Auch deutschen. Das ist historisch nach mehr als 20 Jahren inzwischen etabliertes Wissen. Da ist auch der „Sprengstoff“ einer „wahren Geschichte“ nicht mehr wirklich Tagesgespräch und regt eigentlich nicht wirklich mehr die Augenbrauen politischer Beobachter:innen. Warum also schafft es dieser Film?

Ich habe aus purer Bequemlichkeit darauf verzichtet, zu recherchieren, wie viele der um die Jahrtausendwende Verantwortlichen für den BND unter Bundeskanzler Gerhard Schröder heute in der „gemeinnützigen“ privaten Berliner Denkfabrik das Tagesgeschäft „der Dienste“ begleiten. Doch wenn dieser handverlesene Kreis von Ehemaligen sich mit einem deutschen Kinofilm befasst, dann ist ihre Stellungnahme unbedingt lesenswert.

Der Film ignoriert den etablierten Erkenntnis- und Forschungsstand zugunsten eines geläufigen, gegen den Bundesnachrichtendienst gerichteten Narrativs. Insoweit reflektiert er auf seine Weise letztlich ebenso wenig Realität wie der ebenfalls aktuell zu sehende jüngste James Bond Film „No time to die“.

(GKND, Stellungnahme zum Film Curveball, 06.10.2021, PDF)

Und wenn sie die acht Seiten des PDF Dokumentes gelesen haben, bevor sie etwa diesen Film gesehen haben, dann ging ihnen vielleicht etwas Freude und Spannung an der Geschichte verloren, doch am Wahrheitsgehalt werden sie gleich noch weniger zweifeln. Auch weil sie wahrhaftig haarsträubend daherkommt.

Es ist ein, brilliant geschrieben und gespieltes Stück über Lügen im Interesse politischer Manöver. Heute, 21 Jahre nach dem Beginn des zweiten Irak-Krieges sind wir schlauer. Oder, besser: Sollten wir schlauer sein. Doch eigentlich ist eher das Gegenteil eingetreten. Der Begriff Fake-News steht zwar erst seit seit 2017 im Duden, und das Internet war 2003 noch immer erst kurz davor die wirklichen Massen zu vernetzen, doch mit all dem, und vor allem dem Wissen von heute macht der Film über die „Geschichte von Gestern“ einen bitterbösen Punkt.

Der Film zeigt Ausschnitte aus der Rede des damaligen US-Außenministers Colin Powell im Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat. Man sieht auch den damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer, der keine Miene verzieht, als von den Anthrax-Trucks die Rede ist. Der Rest ist Geschichte, der Irakkrieg kostete Hunderttausende Menschen das Leben. Das ist auch das bittere Ende dieser brillant erzählten Geheimdienst-Farce, die nicht so satirisch überspitzt ist wie die thematisch ähnlichen US-Filme „War Dogs“ oder „Vice – Der zweite Mann“, dafür aber umso stärker nachwirkt.

(Josef Grübl, Süddeutsche Zeitung, 10.09.2021)

Ausgezeichnet gespielt ist der Film außerdem. Sebastian Blomberg und Dar Salim geben ihren Rollen eine geradezu erschütternde Glaubwürdigkeit. Thorsten Merten darf genau den deutschen Politbürokraten spielen, auf den er ein sich seit Jahrzehnten selbst erneuerndes Dauerabonnement laufen hat… Michael Wittenborn hätte ich hinter seinem Geheimdienstschnäutzer allerdings fast nicht erkannt. Diese Herren können einfach was sie tun.

Auch wenn man vorab weiß, welche furchtbaren, weltpolitischen Konsequenzen der Betrug an einer internationalen Öffentlichkeit nach sich zog, hält der Film den Zuschauer bis zur letzten Minute in seinem Bann, auch dank Autoverfolgungsjagden in schneebedeckten Bergen und der Rettung mittels einer rasanten Schlittenfahrt mit 007-Touch, auch wenn hier statt einem toughen James Bond ein versoffener Ex-Geheimdienstler mit einem ebenfalls versoffenen, gerissen-naiven, irakischen Möchtegern-Informanten unterwegs ist.

(Angelika Gutsche, Freitag, 22.09.2021)

Alles in allem ist „Curveball“ ein echtes Kinohighlight, das in Deutschland wirklich höchstselten ist. Es ist hochpolitisch, hochunterhaltsam und hochaktuell.

„The truth doesn’t matter! We make the facts.“

„Die Wahrheit löst sich auf – und alle finden es normal.“


„Curveball  – Wir machen die Wahrheit“ – in der ARD Mediathek bis 05.02.2024

Politsatire, Deutschland, 2022
FSK: ab 12
Regie: Johannes Naber
Drehbuch: Johannes Naber, Oliver Keidel
Produktion: Amir Hamz, Christian Springer, Fahri Yardım
Musik: Johannes Naber
Kamera: Sten Mende
Schnitt: Anne Jünemann
Mit: Sebastian Blomberg, Dar Salim, Virginia Kull, Michael Wittenborn, Thorsten Merten, Franziska Brandmeier, Heiner Dirk Böhling, Dieter Marius Borghoff, Omar Almarsoomi, Gregory Hellenkamp, Jeff Burrell, Bob Snowman, Oli Bigalke, Marcus Calvin, Michael Davies, David A. Hamade, Georg Paluza, Zainab Alsawah, Jule Torhorst


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