Lest Karl Marx! – Machine – Die Kämpferin (Serie, 2023)

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Ich habe schon an der einen oder anderen Stelle bekannt: Ich habe eine ehrliche Schwäche für Frauen, die Männern eins in die Fresse geben. Wenn das ganze noch durch eine ehrliche materialistische Analyse, den alten Karl Marx zitierend untermauert, in einer Version der Gegenwart passiert, die ich wiedererkennen kann, dann werde ich durchaus ekstatisch. So wie bei Margot Bancilhon. Meiner neuen Göttin.

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„Mon conseil à la jeunesse: lire Karl Marx.“

Emmanuel Macron – zitiert in Liberation, 2018

Dass hinter der Protagonistin, in der Promotion und dem Vorspann als exotische Kämpferin mit Drachentattoos inszeniert, eine Persönlichkeit stecken sollte, für die ich die Serie letztlich am Stück schauen würde, konnte ich ja nicht ahnen.

Doch bereits bei Minute 16 habe ich mich sterblich verliebt, in Margot Bancilhon und ihre „Machine“, eine reichlich abgerissene, dreadlockblonde Frau, die etwa halb so alt ist, wie ich. Ich wollte ihre Geschichte sehen. Ich wollte, dass sie „gut“ ausgeht. Weil eine Frau, für die ihre Großmutter ein Mixtape aufgenommen hat, um der Enkelin noch einmal mitzuteilen, wie sehr sie vermisst und geliebt wird, ein guter Mensch sein muss. Eigentlich war es an der Stelle schon um mich geschehen. Ich hab’ sie sozusagen adoptiert.

Mixtape von der Oma heißt auch: Es gibt einen Soundtrack. Viel französischer Rap, dankenswerterweise aber untertitelt. Viel internationales Zeug. Mit das allerbeste seit langer Zeit. Und das ist ja auch eine eigene Kunstform. Über den Einsatz von Musik, von Liedern, eine Geschichte nicht nur zu untermalen, sondern sie um eine ganze Ebene der Erzählung zu ergänzen, das geht oft schief. Hier ist es brillant! Der Sony-Walkman (!) der Protagonistin liefert sozusagen den Kommentar zu dem, was sie erlebt und was wir sehen.

Bei Minute 27 der ersten Folge vermöbelt „Machine“, nach einem handgreiflichen Fahrkartenkontrolleur zu Beginn, den wir aber nur „danach“ in der Zugtoilette liegen sehen, bereits den zweiten Kerl. Dieses Mal einen abgelegten One-Night-Stand, ausführlich und völlig ohne jeden Zweifel, aus einem sehr guten Grund. Er hat es nicht kommen sehen. Und er sollte auch nur ein weiterer, in einer langen Reihe sein. Das ist Konsequenz. Und große Oper!

Nun bin ich alles andere als ein Experte der Martial-Arts. Ganz im Gegenteil. Doch habe ich von Bruce Lee bis Quentin Tarantino genug solcher Filme gesehen, um den gelben Overall, hier eine schmutzige Arbeitsuniform der „Machine“, als Hommage an die Vorbilder natürlich sofort zu erkennen. Doch auch wenn die „Heldin“ im Verlauf der Serie wieder mit ihrem alten Meister und Lehrer der Kampfkunst zusammentrifft, findet sie einen neuen, ganz anderen Mentor. Und da wird es tatsächlich zu einer fantastischen Variante einer ganz alten Geschichte.

JoeyStarr, französischer Rapper und Schauspieler, mit einer ganz persönlichen Gewaltbiografie, spielt „JP“, ihren „Lehrer“. Und das nicht in etwa einer fernöstlichen Kampfkunst, sondern im historischen Materialismus von Karl Marx und Friedrich Engels. Und sowas habe ich tatsächlich zuvor noch nirgendwo anders gesehen. Hier können wir alle möglicherweise noch etwas lernen, je nachdem wie gut wir im Seminar zur „Einführung in die politische Theorie“ aufgepasst haben. (Wenn sie in der DDR zur Schule gegangen sind, dann haben sie das vermutlich weitaus besser und länger lernen müssen, als ich.)

Hier geht es allerdings nicht um einen akademischen Marxismus, und auch nicht um eine pervertierte Staatsdoktrin, sondern um ganz einfache politische Analyse und praktizierte Solidarität. Kleine Menschen in der französischen Provinz betroffen vom globalem Kapitalismus. Die Kapitalisten sind hier Südkoreaner. Doch das spielt keine Rolle. Es hätten auch Amerikaner, Deutsche oder Chinesen sein können. Es geht um das Sein, welches das Bewusstsein bestimmt. Unten gegen Oben. Die Macht über die Produktionsmittel. Und das ist nicht nur intellektuell großartig!

Großartig sind auch die langen, perfekt choreografierten Kampfszenen, die sich im Verlauf der Serie beständig steigern und zum Ende wirklich verblüffen. Manchmal musste ich sie mir gleich mehrfach ansehen, um überhaupt einen Schnitt zu erkennen. Und das müssen wir ja auch berücksichtigen: Ich schreibe hier über eine TV-Serie, mit ebensolchem Budget (koproduziert von ARTE) und nicht etwa „John Wick 5“. Fantastisch!

Und weil hier nicht nur die Schlägertrupps des Kapitals, sondern auch die Gewerkschaften, der zentralistische französische Staat und sein Militär- & Polizeiapparat ordentlich einstecken müssen, hätte der alte weiße Mann aus Trier wohl seine wahre Freude daran gehabt, wär‘ er nicht schon so lange tot.

„Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.

Karl Marx – Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
»Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844

Nun liegt es an ihnen! Schauen Sie sich das an. Die Lebenszeit bekommen sie zwar nicht zurück, doch wenn Sie meinen vollkommen subjektiven Empfehlungen folgen, dann haben Sie immerhin jemanden, der Schuld daran ist, wenn Sie deshalb morgen möglicherweise zu spät zur Arbeit kommen.

Sie haben schließlich auch nichts zu verlieren, außer ihren Ketten… 😉

Und dann schreiben Sie Briefe, senden sie E-Mails oder Faxe, demonstrieren sie, von mir aus, vor dem ARTE Sendezentrum in Straßbourg, bis dass diese Serie eine Fortsetzung bekommt!



TV-Serie, 6 Episoden, Frankreich, 2023, FSK: ab 12, Regie: Fred Grivois, Drehbuch: Thomas Bidegain, Fred Grivois, Valentine Monteil, Produktion: 687, Fit Production, White Lion Films, Makwa, ARTE France, Produzent/-in: Elsa Bart, Noor Sadar, Kamera: Martin Roux, Schnitt: Olivier Galliano, Musik: Thomas Cappeau, Mit: Margot Bancilhon, JoeyStarr, Hiba El Aflahi, Guillaume Labbé, Michaël Abiteboul, Alexandre Philip, Sébastien Lalanne, Alysson Paradis, Anne Benoit, Léonie Simaga, Hubert Delattre, Christophe Kourotchkine


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3 Antworten

  1. Mediathekperlen
    Mediathekperlen

    Karl Marx und Kung-Fu

    In der Arte-Serie „Machine – die Kämpferin“ führt eine Ex-Soldatin eine Fabrik in die Selbstverwaltung. Es ist ein linkes Pop-Märchen. Von Florian Schmid.

    https://taz.de/Arte-Serie-Machine–die-Kaempferin/!6000711/ @tazgetroete

    1. Mediathekperlen
      Mediathekperlen

      Mit Verlaub, @glueckstein, dein Kommentar ist pures GOLD! 😆

  2. Mediathekperlen
    Mediathekperlen

    Auf ARTE etwas untergegangen ist dieses sehr sehenswerte Interview (OMU) mit den beiden Hauptdarsteller:innen… ich habe es nur zufällig entdeckt. https://www.arte.tv/de/videos/119144-001-A/interview-mit-dem-team-von-machine-die-kaempferin/

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