Martin Scorsese – Gangs of New-York (2002)

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Ich verehre Scorsese, den großen Chronisten Amerikas, wirklich sehr. Doch mit seinem Historiendrama aus dem New York des 19. Jahrhunderts hat er mich wohl so sehr auf dem falschen Fuß erwischt, wie zuvor nur mit Jesus Christus. Das war vermutlich einfach zu viel des Guten.

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Das ist einer der Filme, die nur deshalb ihren Weg in diesen Randgruppen-Blog, weit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze finden, weil ich es seinem Regisseur einfach schuldig bin. Das ist also etwas Persönliches. Und deshalb ist es auch völlig in Ordnung, wenn sie das Folgende etwa anders sehen. Denn mich darüber zu streiten liegt mir fern.

„Gangs of New York“ ist ja auch durchaus ein Ereignis. Sehr schön, solch einen monumentalen Film in der feinsten aller Mediatheken, nämlich bei ARTE, wiederzufinden. Dort gehört er auch hin – weil das Kino und seine Geschichte auch nirgendwo anders so gefeiert wird, wie in unserem Lieblingskulturkanal. Wenn er demnächst (wieder) bei der ARD oder dem ZDF auftauchen wird, ist es doch nur noch Content, der sich im Nachtprogramm versendet.

Im Privatfernsehen war es eine Qual, die ich mir nicht antun wollte, diesen Film zu sehen. Mit der durch das kapitalistisch organisierte TV-System bedingten Anreicherung durch Werbung wurde er nicht nur auf eine Laufzeit von weit über drei Stunden gestreckt – und damit natürlich dramaturgisch vernichtet. Auch der Inhalt war nach der zweiten Werbepause kaum noch zu erschließen, denn spätestens, wenn in der Werbung ein SUV der deutschen Marke AUDI durch dieselben Straßen fährt, auf denen zuvor noch Pferde ihre Karren durch Scheiße und Schlamm gezogen haben, setzt meine Rezeption aus und mein Hirn braucht einen Reset.

Vielleicht hätte Scorsese besser einen Western gedreht. Das wäre kommerziell gefälliger gewesen und hätte doch dieselbe Epoche der amerikanischen Geschichte wiedergegeben. Denn darauf sind wir konditioniert. Hier bekommen wir eine alte Geschichte, aber von der anderen Seite des Landes. Während das Militär und Siedler:innen (Kolonialisten) im Westen ein Land erobert, einen Genozid an den Ureinwohner:innen vollzogen und einen Bürgerkrieg geführt hat, lebten die Einwander:innen – in der Regel Geflüchtete aus Europa – in den Städten im Osten buchstäblich in der eigenen Scheiße.

Wenn Amerika dieses New York ist, dann ist es ein Schlachthaus. Braun und Rot sind die Grundtöne dieser Innereien des Melting Pot. Die Vergleiche mit den apokalyptischen Szenarien eines Hieronymus Bosch und Pieter Bruegels Sittenbildern stimmen darum und greifen doch zu kurz, weil die Filmbilder selbst schneiden und mit anhaltenden Kamerabewegungen immer weiter in ein Inneres vordringen, ohne darin eine Seele zu entdecken.

(TAZ, 20.02.2003)

Historisch „macht das alles sehr viel Sinn“, wenn sie mir die umgangssprachliche Formulierung nachsehen wollen, doch, ganz ehrlich, wirklich berührt hat mich das nicht. Ich fand es eher anstrengend.

Natürlich ist die historische Akkuratesse hier vermutlich überragend. Harvey Weinstein soll Scorsese quasi mit seinem Geld zugeschissen haben, wenn die Gerüchte stimmen. Auch das ist wohl eine Ausprägung des amerikanischen Traums.

Martin Scorseses Traum war es, seine lebenslange Erzählung der Geschichte seiner Stadt zu vervollständigen. Das respektiere ich zutiefst. Doch vielleicht hätte er das besser an Ort und Stelle getan, statt sie in Rom nachzubauen. Für mich ist auch dieser Film leider nur eine Rekonstruktion.

Berührt hat es mich nicht.



Historisches-Drama, USA, 2002, FSK: ab 16, Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: Jay Cocks, Kenneth Lonergan, Steven Zaillian, Produktion: Harvey Weinstein, Alberto Grimaldi, Musik: Howard Shore, Peter Gabriel, Kamera: Michael Ballhaus, Schnitt: Thelma Schoonmaker, Mit: Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Jim Broadbent, Henry Thomas, Liam Neeson, John C. Reilly, Giovanni Lombardo Radice, David Hemmings, Barbara Bouchet, Brendan Gleeson, Gary Lewis, Peter Berling, Stephen Graham, Larry Gilliard Jr., Eddie Marsan, Alec McCowen, Cara Seymour, Roger Ashton-Griffiths, Michael Byrne, John Sessions, Richard Graham


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