Mads Mikkelsen – Helden der Wahrscheinlichkeit (2020)

„Alle Ereignisse sind das Ergebnis einer Reihe von vorangegangenen Gegebenheiten. Und weil wir in den meisten Fällen unzulängliche Daten haben, schreiben wir sie fälschlicher Weise dem Zufall zu.“ Was klingt, wie der Einstieg in ein Proseminar zu Statistik, Big-Data und künstlicher Intelligenz, ist hier der Einstieg in einen haarsträubenden Trip über Selbstjustiz, Willkür und männliche Unfähigkeit zur Trauer.

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Ich weiß nicht, wer diesen Film in die Mediathek-Kategorie „Komödie“ gesteckt hat. Selbst das Adjektiv „schwarz“ könnte diese Fehleinschätzung nicht korrigieren. Doch so ist es eben. Denn auch bei der ARD gibt es Algorithmen, die einen Film anhand von Schlagwörtern kategorisieren, die wiederum auf Daten basieren, die irgendwo in den Weiten des Webs gefunden und anhand ihrer Häufigkeit als zutreffend (genug) identifiziert wurden. Oder, in diesem Fall, beim WDR sitzt ein Troll, der/die Freude daran hat, ein Spiel mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Dafür braucht mensch sicher auch einen ganz speziellen Humor.

Wirklich „zum Lachen“ ist an diesem Film eigentlich gar nichts. Seine Figuren sind uns allerdings alles andere als fremd. Diese „Männer“ gibt es ja wirklich. Ich bin einer davon. Der „neurotische Nerd“ als Archetyp ist ein Phänomen der modernen Popkultur. Wenn sie so einem ein automatisches Maschinengewehr in die Hand drücken, was können wir dann wohl von ihm erwarten? Das lässt sich sicherlich auch mathematisch-statistisch herleiten. Kreuze einfach die Charakteristika von John Rambo mit Sheldon Cooper. Im Grunde ist das die eine Prämisse des Films.

Über die Verknüpfung von Informationen die Ursache von „singulären“ Ereignissen herauszufinden – um daraus Konsequenzen abzuleiten, ist die andere, die gar nicht besser in die Zeit passen könnte. Der Kern von Wissenschaft also, nur eben nicht als Peer-reviewter Prozess, sondern als individualisierte Erfahrung. Was passierte wann und warum? Wann weiß ich genug darüber? Und was mache ich mit der Erkenntnis?

„Es wird nie einen Sinn ergeben.“ sagt Otto, einer der Protagonisten in einer der Schlüsselszenen des Films. Und ausgerechnet die einzige (relevante) Frau in der Geschichte erkennt: „Das ganze ergibt nur dann einen Sinn, wenn man jemanden hat, auf den man wütend sein kann.“

Die Katharsis des Rächers, wenn er herausfindet, dass er (nicht handgezählte) dutzende von Menschen auf Grund falscher Informationen getötet hat, die spielt Mikkelsen hinter seinem grauen Kriegsveteranenvollbart wirklich groß. Weil er ein großartiger – auch physischer – Schauspieler ist. Das gleiche gilt für das Ensemble.

Irgendwann kommen die unwahrscheinlichen Freunde zwangsläufig an den Punkt, an dem ihre Vorgehensweise sich an der Realität bricht, dass man einen Verlust weder wegrechnen noch durch daueraktive Verdrängung lange unter der Decke halten kann. Am Ende landet diese Zusammenkunft von Versehrten, gegen alle Plausibilität konstruiert, bei sehr elementaren Fragen wie der von Trauer und dem Umgang mit seelischen Wunden. Dass Jensen auf dem Weg dahin das eine oder andere Feuergefecht mit Nazis in die Handlung einbaut, geht für den Film allemal in Ordnung.

(Tim Caspar Boehme, taz, 24.09.2021)

Eine Komödie ist das sicher nicht. Eher ein großes europäisches Rachedrama. Und ganz sicher ein absolut sehenswerter Film. Doch nur, wenn sie bereit sind, sich darauf einzulassen nach dem Ende noch einige nachdenkliche Minuten, Stunden oder Tage damit zu verbringen darüber zu reflektieren, wann sie eigentlich genug wissen, um wirklich ultimative Urteile zu fällen. Das ist der Prozess in welchem menschliche Intelligenz entsteht. Das nimmt ihnen ganz sicher auch kein Algorithmus ab. – Und wenn sie verstehen wollen, wie Verschwörungstheorien – und ihre, unter Umständen, fatalen Konsequenzen – hergeleitet werden… auch das wird hier sehr anschaulich beschrieben.

„Ich habe es so gemacht, wie ich es mir wünschen würde, wenn ich ins Kino gehe. Ich mag Filme, in denen etwas Unerwartetes passiert, wo es nicht diesen Deal mit dem Publikum gibt, wohin die Reise geht.“

(Regisseur Anders Thomas Jensen im Interview mit dem DLF, 25.09.2021)



Drama, Dänemark, 2020,
FSK: ab 16
Regie & Drehbuch: Anders Thomas Jensen
Produktion: Sidsel Hybschmann, Sisse Graum Jørgensen
Musik: Jeppe Kaas
Kamera: Kasper Tuxen
Schnitt: Anders Albjerg Kristiansen, Nicolaj Monberg
Mit: Mads Mikkelsen, Andrea Heick Gadeberg, Nikolaj Lie Kaas, Lars Brygmann, Nicolas Bro, Gustav Lindh, Albert Rudbeck Lindhardt, Roland Møller

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